Recht auf Fantasie
Ein Buch über die enorme Bedeutung des Lesens für Frauen im Iran
von Beatrix M. Kramlovsky
Aspekte der Kunst, die wir im freien Westen permanent unterbewerten: Kunst ist
eine funktionierende Zuflucht vor Ideologien - weshalb Regimes Kunst
kontrollieren. Und Kunst bietet Auswege an - weshalb Diktatoren Kunst fürchten.
Bücher können die Welt nicht verändern. Aber gute Texte können einzelne Menschen
dazu bewegen, sich zu verändern – und damit tritt manchmal ein Schneeballeffekt
ein.
Mitte der Neunziger Jahre konnte und wollte sich die iranische
Literaturprofessorin Azar Nafisi nicht länger der Zensur der Mullahs beugen, sie
verließ die Universität und leistete sich den Luxus, donnerstags in ihrer
Teheraner Wohnung sieben ihrer besten Studentinnen zu versammeln. Es ging um
einen Diskurs zu hauptsächlich westlicher Literatur der klassischen Moderne.
"Das, was fehlte, war realer als das, was da war." Diese Zusammenkünfte
schildert Nafisis Buch "Lolita lesen in Teheran"..
"Eigentlich wollten wir nur über westliche Literatur diskutieren, aber dann
begannen wir, über uns selbst zu sprechen und zu schreiben," erklärte Nafisi in
einem Interview kurz nach Erscheinen des Buches in den USA im Winter 2003. Im
Frühling 2004 wurde es bereits im Iran gelesen, mittlerweile findet man es in
fast jedem gebildeten Haushalt, obwohl es illegal eingeführt werden muss. "Was
wir in der Literatur suchen, ist nicht so sehr die Wirklichkeit als vielmehr das
Aufscheinen der Wahrheit".
Flucht in Illusionen
Nafisi schrieb kein weiteres Sachbuch, sondern hielt ungemein spannend die
Einflüsse fiktiver Gestalten auf das Leben realer Personen fest, ein Phänomen,
das wir in freien Regierungssystemen gar nicht richtig nachvollziehen können.
Wie spannend die Arbeit mit Schriftstellern wie Austen, James, Flaubert,
Nabokov, Miller oder eben auch der im Iran verbotenen Märchensammlung von
Tausendundeiner Nacht war, wird hier zu einem berührenden Zeugnis schwieriger
Selbstfindung und gegenseitiger Unterstützung. Denn gerade ein Regime, das die
Geschlechter rigoros zu trennen versucht, Ängste voreinander aufbaut, erzieht
Generationen zur Heuchelei, Spitzelei, drängt sie zur Flucht in Drogenwelten und
unreflektierte Illusionen. Intellektuelle Freiheit, individuelle Würde,
weibliche Identifikation – das erfuhren in dem geschützten privaten Raum Nafisis
eine Handvoll Frauen, mithilfe der Romane, mithilfe der ausgetauschten
biografischen Geheimnisse.
Azar Nafisi kommt aus einer Familie, die seit Generationen schon gebildete
Frauen zu schätzen wusste. Das war ihr Glück, denn ihr Vater förderte die
Ausbildung in England und den USA. Die schahkritische Familie erlebte
Repressalien unter beiden Regimes wie viele andere auch, unterstützte jedoch die
Rückkehr der Tochter, den naiv begeisterten Beginn ihrer universitären Laufbahn
in Teheran. Als die Lehranstalten die Funktionen der verbotenen Zeitschriften
übernahmen, gegen Unterdrückung progressiver Kräfte protestierten, spitzte sich
die Lage auch für die junge Wissenschafterin zu. Politik, Tagesgeschehen, die
fürchterlichen Jahre im Iran-irakischen Krieg immer in Verbindung mit der gerade
vorbereiteten Literatur, dem Lektürespiegel, dieser dichten Verflechtung von
Fiktion und Wirklichkeit machen das Buch zusätzlich spannend. "....meine Hand
legte sich instinktiv auf den Bauch, wie bei früheren Luftangriffen, bei denen
ich schwanger gewesen war. Allein meine Augen taten, als sei nichts passiert und
verweilten auf einer Seite von "Daisy Miller". Die Bombennächte wurden zu
Lesenächten, Nafisi stellte sich Fragen über die Natur des Erzählens und warum
sich der realistische Roman in ihrem Land nie wirklich durchgesetzt hat.
Ein Krieg nach innen
Die sieben Studentinnen, mit denen sie ihre privaten Diskussionen führte,
lehrten sie auch einiges über Realitäten, denen sie selbst nie ausgesetzt war,
tyrannische Brüder, feige Väter, Zwangsheirat und Hinrichtung. "Die Zelle, in
der Razieh und Mahtab fast fröhlich über James und Fitzgerald sprachen,
ungewiss, ob sie überleben oder sterben würden, war wahrlich nicht der Ort, den
ich mir für sie und meine Lieblingsromane gewünscht hatte, meine wertvollen
Sendboten aus jener anderen Welt. Ich denke an Razieh im Gefängnis, an Razieh
vor dem Exekutionskommando, vielleicht in derselben Nacht, in der ich "Der lange
Abschied" und "die Damen aus Boston" las."
Zusätzlich zu den Mauern, die von den Mullahs errichtet wurden, kam nun neben
steigender Arbeitslosigkeit ein Gefühl großer Erschöpfung, das viele junge Leute
lähmte. Ein derart reglementiertes und überwachtes Leben können sich westliche
Jugendliche gar nicht vorstellen. Wie sehr das Ergebnis der letzten Wahlen im
Iran die gebildete Schicht schockiert und verstummen lässt, wird ebenfalls durch
die Lektüre dieses Buches leichter nachvollziehbar.
Literatur ist vielschichtig zu deuten und hat immer mit uns zu tun – schon
allein deshalb sollten wir Saturierten und Ungefährdeten Azar Nafisis spezieller
Entdeckung des Lebens folgen.
Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran, DVA, München 2005, 421 S. ISBN
3-421-05851-2
Veröffentlicht in "Die Furche", Nr.34/25.8.2005