Voyeurin
Karl ist Schaffner und ewiger Jurastudent, und seine Geschichte erfährt man zuletzt, wenn das beobachtete Haus von der Erzählstimme fertig gescannt ist, alle einsamen Menschen darin ihre Geheimnisse preisgegeben haben.
Es ist Nacht im Oktober, erst spät wird klar, dass Sigrid Behrens für ihre Prosa Diskrete Momente den Zeitpunkt gewählt hat, in dem die Sommerzeit endet, eine künstliche Zeitspanne Möglichkeiten für weitere Lebenswege bietet. Die Stimme führt den Leser in kleine Wohnungen, zu den Wachen und den Träumenden, gibt ihnen Namen, ein Flattern und fast zufälliges Berühren ist dieses Schildern.
Sigrid Behrens kommt vom Theater, das merkt man ihrer Prosa an. Sie baut ein Bühnenbild auf, experimentiert mit den Möglichkeiten versenkbarer Teile, ist Deus ex Machina, der mit allen Variationen spielt. Das ist reizvoll, aber es hält die Protagonisten auch auf Distanz.
Adam wohnt neben Karl, kocht Marmeladen ein und redet mit seinem Kanari, das Kind Philipp träumt, als einziger im Haus, zufrieden und friedlich, präsentiert farbige Sequenzen in dieser kalten Nacht. Die rastlose Dora enthüllt in fragmentarischen Sätzen ihre Tragödie, Robert kann das Leben nicht anders bewältigen als es schriftlich festzuhalten, Buch zu führen über banale Momente. Schließlich kommt es zu einer Verknüpfung mancher dieser Fäden, Karls ferne Geliebte schreibt gerade einen Brief, der ihm das Ende der Beziehung beibringen wird.
Den Zauber des Buches macht die Gleichzeitigkeit dieser Szenen aus, deren Dramatik so behutsam entfaltet wird. Auch das Spiel mit der Syntax, die schier endlose Benutzung des Konjunktivs macht Freude, weil es so selten mit derartiger Besessenheit und Brillanz durchgeführt wird. Das Buch verleitet die Leserin dazu, zur Voyeurin zu werden. Empathie ist deren Sache nicht. Es ist ein Spiel: Die Erzählerin erfindet Menschen, deren Biografien sie anreißt, holt sie kurz ans Licht, die Erkenntnis Karls, sein – fiktives – Leben mit dem Warten an falschen Orten vertan zu haben, berührt nur vordergründig. Am Morgen wird die Geschichte mit einem Abschalten des Computers beendet, die Figuren sinken ins Dunkel zurück.
Sigrid Behrens ist damit ein originäres und interessant konstruiertes Stück Prosa gelungen.
Sigrid Behrens
Diskrete Momente
Hanser Verlag, München 2007,
157 S., geb., € 17,40
ISBN 978-3-446-20815-5
Veröffentlicht in Die Furche 19, Nr.23/7.Juni 2007