Spazieren in Märchen von Einsamkeit
Ein Bericht aus Christoph Meckels Traumruinen
von Beatrix M. Kramlovsky
In sieben Erzählungen und einem Epilog, zum Teil bereits einzeln veröffentlicht,
nun aber gebündelt wie ein kaleidoskopischer Episodenroman, führen Meckels
namenlose Helden in eine Welt der Zerstörung und Einsamkeit. Egal ob als
Hausmeister verlassener Kasernen, Architekt vor gebrandschatzten
Regierungsgebäuden, paramilitärischer Entsorger von scharfen Bomben und
Blindgängern, sterbender Beobachter einer endzeitlichen Szene – der Erzähler ist
der zum Menschen gewordene versehrte Engel mit gebrochenen Flügeln.
Verführt und verzaubert
Und warum, bitte schön, soll man sich das antun, diese formidablen Märchen von
der Einsamkeit, dem Sterben, dem "Angetötet Werden"? Schmeckt das nicht speziell
bitter neben den fürchterlichen Nachrichten, die uns ohnedies Bilder vom Terror
frei Haus liefern?
Eben weil es nicht nur weh tut, sondern auch verführt und verzaubert! Hier zeigt
sich Christoph Meckels Meisterschaft. Seine Lichtmetaphern, früher manchmal
überstrapaziert, leuchten schmerzhaft schön und brillant formuliert in reduziert
präziser Sprache. Ich ertappe mich dabei, dem Helden hinterher zu stolpern,
hinein in diese luziden Landschaften, deren Schrecken derartige Schönheit
aufweisen. Mit seinen wechselnden Innen- Außenansichten, seinen oft recht
eindeutigen Querverweisen zu früheren eigenen Texten und zu Stellen der
Weltliteratur, den geografischen und historischen Hinweisen verankert er seine
Fiktion in unserer Welt. Er spielt mit bekannten Kontexten und Koordinaten,
kratzt Verputz herunter, schält Fassaden bis alte und neue Wunden offen liegen.
Aufgegebene Städte, Straßenkreuzungen, Strände, verlassene Wohnungen und
Hinterzimmer sind die Rückzugsräume seines isolierten Helden, der immer auch
Archivar der Schrecken ist : "Den Ausnahmezustand sieht, wer ihn sehen will."
Meckels Männer scheinen Opfer, aggressive Verängstigte zu sein, irrend,
verletzend, vage bereuend. Selbst die Wüste ist nicht Landschaft für sich,
sondern nur Kulisse für ein Menetekel, Schauplatz einer grauenerregenden
Umweltkatastrophe, von Menschen für Menschen produziert. Der wissenschaftlich
denkende Mann, der diese Geschichte erzählt, arrangiert sich mit dem Übel und
verharrt in Tatenlosigkeit.
In einer anderen Geschichte begibt sich der Mann, todkrank und das Ende
akzeptierend, auf seine letzte Reise, um dem Sterben entgegen zu wandern. Hier
finde ich die besten Traumsequenzen Christoph Meckels, hier berührt er zärtlich
und aufwühlend zugleich, erschafft gerade zu mythische Sehnsucht und innere
Stille fern von Angst in einer uninteressierten, kühlen Umgebung.
Frauen als Retterinnen
Der wortgewaltige Lupenblick Meckels richtet sich immer wieder auf Frauen, die
in allen Geschichten die Überlebenden, die Starken, die Robusten sind – selbst
wenn sie in unmittelbarer Gefahr schweben. Sie erscheinen am Rande, aber sie
beeinflussen das Leben des Helden nachhaltig. Als Überlebende einer Katastrophe
sind sie diejenigen, die sich aktiv der Zukunft zuwenden. Im Epilog taucht
Findel, das Kind, auf, ein kleines Mädchen, das ohne Erinnerung nach einem
traumatischen Erlebnis in die Welt derer, die vergessen wollen, kommt. Sie sucht
die zerstörten Wurzeln, den Neubeginn.
Wie lebt es sich am Rande der Zeit, als Zeuge wider Willen, der bewusst
wahrnimmt und bewahrt? Christoph Meckel macht das permanente Sterben rund um uns
zum Thema, mit hartem Strich und schmerzhaft greller Schraffur. Er hat ein
sperriges Buch geschrieben, das ein wunderbarer Begleiter ist, um alte Fragen
neu zu stellen und die eigenen Positionen zu überdenken.
Christoph Meckel: Einer bleibt übrig, damit er berichte, Verlag Hanser, München
2005, ISBN 3-446-20572-1, 264 S.geb. €20,50
Veröffentlicht in "Die Furche", Nr.31/4.August 2005