Gutes Leben bis zum Ende

Ein couragierter Roman über Liebe und Aufbruch im Alter

von Beatrix M. Kramlovsky

Frau Professor kommt den Plänen ihrer Stieftochter zuvor und kauft sich in ein Seniorenhaus mit angeschlossener Pflegestation ein. Sie nimmt den Hund Cora, ihre wichtigsten Bücher mit und stielt auch noch den sündteuren Labtop des töchterlichen Liebhabers, bevor sie die Villa ihres toten Mannes verlässt. Der Zorn über familiäre Grabenkämpfe beeinträchtigt ihre Wahrnehmung nicht: sie empfindet das Seniorenheim als notwendiges Übel, ihre zunehmenden Macken und Vergesslichkeiten als beängstigend. Aber ihr Witz und ihr analytisch geschulter Geist helfen ihr, Würde und Lebensfreude zu bewahren. Der vorhandene finanzielle Polster erleichtert dies zusätzlich.

Folgenschwere Entscheidung

Aufgeweckt und neugierig lässt sie sich auf die Bekanntschaft mit einem Siebzehnjährigen ein. Wowa, ein Wolgadeutscher, hat Probleme mit der Schule, mit der Familie, einen fragwürdigen Umgang und pflegt etwas zu viele Geheimnisse. Aber die alte Frau erkennt, dass der Junge einsam ist und über Qualitäten verfügt, die ihm niemand zutraut. Sie lässt sich auf ihn ein, wird zu einer Ersatzoma, zur einzigen Person in der Fremde, der er, soweit ihm das möglich ist, vertraut. Wie sehr sie ihn liebt, wird ihr erst klar, als er verschwindet und sich niemand darum kümmert. Frau Professor macht sich auf die Suche und trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Dorothea Razumovsky, 1935 geboren und in Deutschland auch als Sachbuchautorin zu Migration, Ausgrenzung und Alter bekannt, hat sich hier recht erfolgreich an einem Thema versucht, das zu Klischees und Gefühlsduseleien einlädt. Geschickt baut sie die Geschichte auf, konstruiert einen Spannungsbogen, der zu einem überraschenden Schluss führt. Leider ist im Mittelteil die Journalistin stärker als die Autorin. Razumovskys Anliegen und Lebensthemen, überfrachten manche Passagen, der Fluss der Erzählung kommt hier ins Stocken. Die Besuche in der Schule und beim Psychiater sind auch sprachlich wenig ausgefeilt. Trotzdem ist das Porträt der Heldin gelungen, das Einmalige eines Menschen wird berührend und unterhaltsam dargestellt. Der Mut und die Disziplin, mit denen die namenlose Protagonistin den Widrigkeiten des Alltags begegnet und sich auf völlig Fremdes einlässt, sind wegen der Fähigkeit, auch über sich selbst lachen zu können, animierend gestaltet. Es geht hier nicht um die sattsam bekannte Präsentation einer Liebe zwischen alt und jung mit erotischen Anklängen, sondern um eine Liebe, mit der man nicht gerechnet hat und der man sich mit aller Vernunft unterwirft. Das macht es originell. Dorothea Razumovsky ist ein couragierter Text gelungen, der neugierig auf das Leben im Alter macht, ohne die Schrecken zu verniedlichen.

LETZTE LIEBE
Roman
Dorothea Razumovsky
Weissbooks Frankfurt/Main 2009, geb., 151 S.

veröffentlicht in "Die Furche", Nr.5, 4.2.2010