Beatrix Kramlovsky

Kramlovsky beschreibt konsequent die Realität und kratzt so lange an der Oberfläche, bis nur nackte Haut übrig bleibt.

Zdenka Becker

Cover Der vergessene Name

Eine verspätete Liebesgeschichte

Roman, Kitab-Verlag 2014, geb., 138 S.
ISBN 978-3- 902678-26-7

Sigrid war eine angesehene Juristin. Ihre Ängste versucht sie für sich zu behalten. Wenn ihr das gelingt, ist ihre Welt trotz aller Unerklärbarkeiten in Ordnung. Jetzt betrachtet sie sich hauptsächlich als Mutter von Marion, Oma von Max und beste Freundin der wunderbaren Babette. Irritierend ist nur der namenlose Mann in ihrer Wohnung, der manchmal seltsam vertraut scheint und sehr oft ein Ärgernis ist.

 

Pressestimmen

.....Ich sage, Kramlovskys Buch stehe sich nicht selbst im Weg und verweise auf Erzählhaltung und Handlung. Aber der einzelne Faktor, der dazu am meisten beiträgt, ist in der Sprache der Autorin zu suchen. Genauer: In dem Umstand, dass sie die Kunst beherrscht, die Sprachregister in einer gleichsam realistischen Weise zu wechseln, die das Ihre zur Charkterisierung des Ich-Erzählers beiträgt. Sätze, die nicht Figurenrede sind, scheinen trotzdem mehrfach auf ein unaufgeregtes, gleichförmiges Fließen hin überarbeitet worden zu sein, das auch Vokabeln und Inhalte, von denen man das eigentlich erwarten würde, nicht stören können. Dieser Gestus - emotionale Glaubwürdigkeit des Ich-Erzählers bei gleichzeitig unerschütterlich ruhigem Fließen der Syntax - macht eine Qualität von "Der vergessene Name" aus. ....
Fazit: Dass es sich bei "Der vergessene Name" um einen Roman über das unangenehme, traurige Thema Alzheimer handelt, wird vorhersagbarerweise manchen Leser abschrecken, aber es wäre eine Themenverfehlung,  einen zeitgenössschen Erzähltext über Alzheimer irgendwie "sexy" zu gestalten. Kramlovsky unterläuft keiner der Fehler, die ihr leicht hätten unterlaufen können. Das Buch ist unprätentiös und weder von Pathos noch von Zwangsoriginalität geprägt. Es ist dabei sprachlich um einige Stufen genauer, als wir das sonst mit dem Begriff "unprätentiös" in Verbindung bringen, und wird seinem Gegenstand so gerecht wie seinen implizit selbst-gesetzten Maßstäben.

Stefan Schmitzer, 15.1.2015 für das Literaturhaus Wien
http://www.Literaturhaus.at/index.php?id=5448


.....Manchmal entstehen gewaltige Bilder und Beschreibungen, die fast nicht mehr von dieser Welt sind. „Du musst die Finger beim Tippen spreizen, damit die Grammatik Platz hat!“ – Was kann man gegen eine solche Einsicht noch ausrichten..... Beatrix Kramlovsky gelingt mit dem „vergessenen Namen“ eine tatsächlich berührende Liebesgeschichte. Die Tage der späten Liebe müssen täglich neu ausgefasst werden wie Absätze, die sich auf nichts stützen können. Dadurch entsteht eine Atmosphäre voller Zuversicht, denn was immer auch ins Vergessen geraten ist, es gibt eine Geschichte davon. Die Literatur wird mit einem Mal zum Überlebensmittel und Lebenssinn.

Helmuth Schönauer


.....Beatrix Kramlovsky erzählt diese Geschichte einer Alzheimer-Patientin mit großer Einfühlsamkeit. Trotz des tragischen Themas erscheinen manche Passagen poetisch und subtil witzig. Und manch einer/eine wird sich erinnern an eigene Erfahrungen, Erlebnisse oder Erzählungen, an Fälle in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Ein beeindruckendes Buch.

Manfred Chobot


.....Diese hinreißend poetischen Sequenzen werden jäh unterbrochen von schonungslosen Schilderungen des kaum erträglichen Alltags.

Clementine Skorpil


......Eine berührende Geschichte in ausdrucksstarken Bildern, die von Verlust, Trauer und Tod erzählen, aber auch von Liebe, Treue, innere Stärke und Zuverlässigkeit. Kramlovsky bringt die schweren Themen leicht, mischt da und dort eine Prise Humor und Situationskomik unter und hält den Spannungsbogen. Denn auch wenn das Ende absehbar ist, Alzheimer unheilbar ist, bleibt die Hoffnung auf eine unerwartete Wendung, der Wunsch, der Erzähler möge mit seiner Liebeserklärung endlich zu ihr durchdringen.

Lisa Lercher


.... Ich kann mich in jedem Gedanken wiederfinden. Egal ob es um die Trauer um ein verlorenes Kind geht, in dem man zu spät den Erwachsenen erkannt hat, um die Tatsache, dass man sich zu wenig über die eigene Befindlichkeit mit dem Partner ausgetauscht hat oder um männliche Sexualität.
Anfangs hat mich das grosszügige Layout befremdet. Aber nur kurz. Nach der ersten Unterbrechung, als ich das Buch wieder aufnahm, da hat es auf einmal gepasst. Der weite Raum um den Text, die doppelten Abstände in den Absätzen. Das war ein Teil der Partitur: das eine waren die Streicher, das andere die Bläser, das hohe und das tiefe Holz. Erst zusammen ergaben sie das Werk mit seiner einsamen Traurigkeit, dem Bedauern, diesem latenten »zu spät«.

Fritz Dinter


"Dein Himmel ist der meine nicht mehr. Die Zeit, in der du dich bewegst, hat nicht mehr viel mit dem Raum zu tun, in dem ich mich bewege. Noch gehe ich vorwärts und habe die Zukunft im Blick. Du querst in Riesensprüngen eine Vergangenheit, die mir nicht mehr vertraut ist." Es dauert eine ganze Weile, bis die Krankheit, die im Untergrund von Beatrix Kramlovskys neuem Buch Der vergessene Name wütet, beim Namen genannt wird: Alzheimer. Das im Eingangszitat angesprochene Du heißt Sigrid, sie ist bzw. war eine erfolgreiche, vitale Juristin, die nun mit zunehmender Geschwindigkeit der Furie des Vergessens anheimfällt.

Der namenlos bleibende Mann, der sich an sie wendet, ist ihr Gatte, ein Journalist Anfang 60. Große Reportagen hat er geschrieben, und es ist noch nicht lange her, dass er glaubte, erklären zu können, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Krankheit seiner Frau ist auch für ihn ein Massaker der Illusionen. In einem kreisenden Erzählprozess, durchzogen von Dialogen mit Sigrid, der die Welt abhandenkommt, nimmt der Erzähler die Erinnerungsspur auf.

Es wird ihm klar, was er alles verpasst und verhindert hat. Ein gemeinsames Haus zum Beispiel, ein zweites Kind neben der Tochter Marion. Auch sie wird im Verlauf des Buches verschwinden, so wie Paul, der beste Freund des Erzählers. Aus der Unschärfe von Sigrids Erinnerung tritt hingegen eine neue Figur auf den Plan: Karl.

Der Erzähler wusste bisher nichts von ihm. Gar nichts. Was weiß man? Was bleibt? Was ist wichtig? Es sind große Fragen, die dieses schmale Buch aufwirft – und zwar ohne dem Leser Antworten oder eine eindimensionale Deutungsmöglichkeit aufzudrängen.

Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 22./23.11.2014


 

Dieses Buch ist von einer Dynamik durchzogen, die konsequentes Weiterlesen verlangt!

Annemarie Moser, Literarisches Österreich 2014/2