Beatrix Kramlovsky

Roman, Haymon 2003, 282 S.
ISBN 385218-425-8
22 €, SFr 37.50

Ein böses drittes Zimmer

Ein Roman, der das Genre sprengt, ist Gabriele Wolffs neuer Krimi, der sich mit den korrumpierenden Verflechtungen und machtspezifischen Einflüssen auf Geist und Moral auseinandersetzt.
Der Protagonist Lennart Vosswinkel ist Jurist, geschieden, als Vater nicht immer mit Verstand agierend, als Mann sympathisch, seine Triebe recht kontrollierend, ein Lesender, der den Überblick nicht verlieren will und, vielleicht deshalb, leicht stolpert. Es geht um Freunderlwirtschaft und Nebenerwerbsmöglichkeiten für Sektionschefs und Höherrangige in einem deutschen Ministerium. Ein politischer Wechsel an der Spitze löst Fragen nach undurchsichtigen Machenschaften und scheinbar unmotivierte Morde aus. Das würde sich altbekannt, ärgerlich und aktentrocken lesen, wenn nicht Gabriele Wolff die Fäden in der Hand hielte.

Hat man sich durch die ersten 20 Seiten durchgebissen, möchte man mehr vom Helden, mehr von den kristallinen Sätzen, mehr von dem unterschwelligen Humor und auch mehr über dieses geheimnisvolle dritte Zimmer wissen. Ob es sich bei den eingeschobenen Absätzen um die therapeutische Erfahrung bei einer strengen Domina oder bei einer Analytikerin handelt, wird mir nie so ganz klar, es erhöht auf jeden Fall den stilistischen und inhaltlichen Reiz (vielleicht nicht für Vertreterinnen der beiden angesprochenen Berufsgruppen).

Wolff, die selbst Juristin ist und Staatsanwältin war, gerade an einem ausgefeilten Essay über die literarischen und weltanschaulichen Beziehungspunkte zwischen Arno Schmidt und Karl May arbeitet, weiß, wovon sie schreibt, und tut das mit eloquenter Präzision.  Wer weniger auf schweißtreibende Action, dafür mehr auf ganz spezielle Menschenbilder in ganz speziellen Lebensräumen Wert legt, ist mit diesem Buch gut beraten.  

B.K.
Für die Furche und Buchkultur 2003 rezensiert