Beatrix Kramlovsky

Deuticke 2005
ISBN 3-552-06006-5
239 S.

Wien voll Staub

In dunkle Geheimnisse führt Hamid Sadrs Roman „Der Gedächtnissekretär“.

Ein alter Wiener Fotograf, durchaus liebenswert und schrullig, plant als krönendes Lebenswerk einen Bildband, der die Zerstörung von Gebäuden, die Vernichtung „kultureller Güter“, „kunstgeschichtlich wertvollen Baumaterials“ in den letzten Kriegsmonaten zum Thema hat. Nicht die getöteten oder ausgebombten Menschen sollen interessieren, sondern die steinernen Hüllen. Seine Fotos sind sechzig Jahre alt, seine Beine so schwach, dass er jemanden für die Recherche, die Laufarbeit braucht. Denn den historischen Aufnahmen soll die Gegenwart gegenüber gestellt werden, es geht ihm um Spurensuche, um das, was bleibt. Ein iranischer Chemiestudent findet sich für diesen schlecht bezahlten Job. Sehr langsam entwickelt sich die Geschichte des jungen Ich-Erzählers, der in Geldnot und ohne wirklichen Freundeskreis eine besondere Erfahrung blüht.
Hamid Sadre, 1946 in Teheran geboren und seit fünfzehn Jahren in Österreich beheimatet, erzählt berührend, detailverliebt und trotzdem reduziert mit leiser Komik, die schmerzt, denn die Stadt entpuppt sich als von recht realen Geistern heimgesuchter Ort. Sadre macht das sehr geschickt. Völlig unspektakulär erzählt er von seinem Helden, der für den alten Fotografen Standort, Stimmung und Objekt auf den Bildern mit der jetzigen Wirklichkeit überprüft. Und sehr sachte schleicht sich in die Erzählung ein beunruhigender Aspekt ein:
„Aber ein paar Fotos und das Schöne war weg, als ob es nie da gewesen wäre.“

Beklemmungen

Die Stadt in der Stadt drängt sich vor. Jedes Bild deckt auf. Jedes Foto kommentiert. Ein Erwachen findet statt, aber der einzige, der erwacht, ist der junge Fremde, der doch nichts damit zu tun haben will! Es ist ein Blickwinkel, der manchem Wiener nicht gefallen mag, der schmerzt, weil er Vergangenes aufdeckt. Aber es ist auch ein Text, der nur mit großer Liebe für diese Stadt so geschrieben werden konnte. Spannung entsteht natürlich durch die Konstellation und permanente Gegensätzlichkeit von alt und jung, Heimischem und Fremden, Saturierten und Bedürftigen.  
„....die Luft dieser Stadt war voller Staub der Geschichte. Seit dem Nachmittag sah ich überall Bilder vom Steinbruch vor mir, auf dem die ausgehungerten Gestalten schwere Granitblöcke auf den Schultern hin und herschleppten. Wien sah danach anders aus, verstaubt – und daran konnte nicht einmal ein gesegneter Wein aus dem Weinviertel etwas ändern.“
    Dem Studenten, liebevoll als „Gedächtnissekretär“ apostrophiert, wird klar, dass Geschichte nie etwas Abgeschlossenes sein kann, dass wir alle Vergangenheit mit uns schleppen, manche versteckt wie der alte Fotograf, manche offen. Sadre hebt keinen moralischen Zeigefinger, es gibt keine Schuldzuweisungen. Aber sein junger Protagonist verwandelt sich langsam in einen Zeugen verdrängter Befindlichkeiten, einen Chronisten wider Willen, „Nicht im einzelnen, sondern in der Summe wusste ich mehr über die Stadt und den Krieg als jeder andere Fremde hier.“, der verzweifelt versucht, sein eigenes, persönliches, absolut freundliches Bild Wiens für sich zu behalten. Das muss in gewisser Weise misslingen.

Als der alte Mann krank wird und ins Spital muss, spitzt sich die Lage für den Studenten ebenfalls zu, die Arbeit an dem geplanten Bildband wird auch für ihn zu einer persönlichen Angelegenheit, einer Verbannung der Schatten, einem Fixieren fremder Schrecken, dem er sich nicht mehr entziehen will. Gleichzeitig wächst die Angst vor dem Wissen. „Widerwille davor, im ungeahnten Dunkel seines Dachbodens etwas finden zu können, das ich besser nicht hätte finden sollen...“

Teilen

Und mit wem kann er es teilen? Seine Bekannten, Studenten und Emigranten wie er, haben selbst genug zu tun, um notwendige Bedürfnisse zu stillen, das Überleben in der Fremde zu managen. Die Stadt ist dafür nur Kulisse, nicht unbedingt hilfreich, aber trotz aller Widrigkeiten geliebt. Da kann er kein Verständnis dafür erwarten, dass sich Erinnerungen Wildfremder über seine eigenen Wahrnehmungen stülpen, dass er sich nicht mehr zu helfen weiß, sich nicht abgrenzen kann gegen längst gelebtes Leben.
Das Ende der Geschichte ist offen bis zu einem gewissen, versöhnlichen Grad, spürbare Zärtlichkeit liegt in dieser Schilderung. Dass der junge Iraner gerade von dieser Stadt und ihren dunklen Geheimnissen in die Psychiatrie getrieben wird, mag skurril anmuten. Dass er sich gegen den alten Mann endlich und fast zu spät abgrenzt mit einem Gedicht, Lyrik als Waffe verwendet, ist in seiner eigenen Herkunft, der immer noch gelebten persischen Liebe zur Poesie begründet.
Kein Wunder, dass dieses leise Buch, das heraussticht aus den Veröffentlichungen zu Österreichs „Gedankenjahr“, mich neugierig auf den nächsten Roman Hamid Sadres macht.

B.K.