Beatrix Kramlovsky

ROMAN, aus dem Spanischen von Svenja Becker
Suhrkamp Berlin 2010, geb. ,553 S., ISBN 978-3-518-42138-3

KINDER  DES  HERRN

Isabel Allende wollte einen Roman über New Orleans schreiben, über das von Hurrikan Katrina versenkte French Quartier, und die Kultur, die diese Stadt so sehr geprägt hat. Ihre Recherchen führten sie zu den französischen Flüchtlingen, den weißen  Herren, die Haiti 1793 in Scharen verließen, als die Sklaven sich erfolgreich erhoben. Vier Jahre Quellenforschung folgten und Allendes Interesse verschob sich.

Menschen unterschiedlicher Völker und mit unterschiedlichen Sprachen fanden in der Sklaverei über Musik und Religion zu einer neuen Identität, die ihnen im Freiheitskrieg half und später die Kultur viele Länder prägend beeinflusste. Allende beschäftigte sich  mit dem auf Haiti entstandenen Voodoo, der Trommelmusik und Rhythmik in den Sklavengesängen. Ergebnis: ein opulenter Roman mit großartig komponierten Figuren. Allendes hinreißender Umgang mit Sprache wirkt besonders überzeugend in den Partien, die die Innenwelt ihrer Heldin Zarité darstellen. Zarité, Tété genannt,  wird von Toulouse Valmorain als Neunjährige gekauft, um seiner langsam dem Wahnsinn verfallenden Ehefrau als Haushälterin zu dienen. Valmorain sieht sich als aufgeklärten Franzosen. Auf der abgelegenen Zuckerrohrplantage, die er, zu Beginn heillos überfordert, von seinem Vater übernimmt, herrschen wie überall auf der Insel Gewalt, Terror und  Angst der Sklaven vor ihren mordenden Herren, Angst der Herren vor Aufständen und Racheakten. Als der Sklavenaufstand endlich ausbricht, rettet Tété dem Herrn und den Kindern (sie hat mittlerweile eine Tochter geboren, die sie behalten darf) das Leben. Die Flucht führt über Havanna nach Louisiana, ins gerade aufstrebende New Orleans….

Allende wollte die Klangfarben der schwarzen Musik und die Mystik des Voodoo literarisch darstellen, ohne den Roman in Kitsch zu ertränken. Das ist geglückt, und Svenja Becker versuchte in der Übersetzung, dieser Wortgewalt gerecht zu werden, was ihr vor allem in den musikalischen inneren Monologen der Tété wunderbar gelang.

B.K.