Beatrix Kramlovsky

Roman, übertragen von Anne Weber
Klaus Wagenbach Verlag 2013, geb. 141 S.

DAS ANDERE ICH – EIN THRILLER

Psychogramm um einen französischen Toten „der kleinen Wiener Hexenkunst“

Zwölf Wochen alt ist das Baby im Arm der Frau, die es in einer fast leeren Wohnung wiegt und sich gehetzt fragt, was wirklich passierte, weshalb sie so sicher ist, gerade ihren Psychoanalytiker umgebracht zu haben. Draußen versinkt Paris in der Nacht, drinnen hält sich Viviane Elisabeth Fauville an ihrer Tochter fest und versucht verzweifelt, die letzten Stunden zu rekonstruieren.
Sie haben die Messer an sich genommen und in Ihre Handtasche gesteckt, daran erinnern Sie sich, und das ist schon gar nicht so schlecht.

Direkt wird die Heldin von ihrer Schöpferin angesprochen, die Perspektive zwingt den Leser, jede Distanz schnell fallen zu lassen, sich auf das verwirrende und erschreckende Leben Vivianes einzulassen. Sie ist knapp über vierzig, von ihrem Mann frisch verlassen, noch im Mutterschutz, die Vertretung in der Firma scheint effizienter und beliebter als sie zu sein. Vor drei Jahren haben seltsame Aussetzer sie so beunruhigt, dass sie die Hilfe eines Arztes suchte. Er ist mittlerweile eine Quelle steten Ärgers für sie, nur notwendiges Übel. Und nun ein blutbesudelter Leichnam, den sie vor wenigen Stunden verlassen hat. Hat sie die Kontrolle komplett verloren?

Schon um ihrer selbst willen muss sie den Fall aufklären. Offensiv beginnt sie zu schnüffeln, stalkt die schwangere Geliebte des Arztes, die Ehefrau, einen Patienten, der von der Polizei kurze Zeit verdächtigt wird. Ihre eigenen Angaben beim untersuchenden Beamten bringen sie jedoch noch mehr in die Bredouille. Denn Viviane, die sich selbst immer als Elisabeth vorstellt, gibt als Alibi ihre Mutter an, die seit acht Jahren tot ist.

Das Tempo steigert sich rasant bis zum Nervenzusammenbruch und einer polizeilichen Verwahrung, die im Spital endet. Am Ende lösen sich die Rätsel nur auf verwirrende Weise, weil Julia Deck die Geschichten hinter der Geschichte gekonnt durchschimmern lässt, und es eben nicht nur um ein Verbrechen geht, sondern um die literarisch überzeugende Darstellung einer gespaltenen Persönlichkeit. Die Autorin, 1974 in Paris geboren, studierte Literatur und arbeitet als Journalistin. Sie hat ein überwältigendes Vexierbild geschaffen mit faszinierenden Bildern und genial passenden Parisbeschreibungen.

Dieser Debütroman ist ein dichtes Werk voll Schmerz und Sekundenwitz, der von der Übersetzerin Anne Weber, die selbst auch Schriftstellerin ist, brillant ins Deutsche übertragen wurde. Er ist ein spezielles Juwel, um sich dem Rätsel Mensch zu nähern.

B.K.
Veröffentlicht in der FURCHE 2013