Beatrix Kramlovsky

Diogenes 2005, 234 S. ISBN 3-257-86116-8
20,50 €(A), 19,90 € (D), 34,90 SFr.

VERKNOTUNGEN

Familiäre Abhängigkeiten können doch noch ein spannendes Thema sein, wenn sich der richtige Autor darum annimmt. Philippe Djian hat aus einer als eigenständige Erzählung konzipierten Geschichte einen Episodenroman gebaut, der berührt und zum Nachdenken anregt.
Am Anfang steht die Flucht des Vaters und der zu diesem Zeitpunkt elfjährige Sohn wird nun von der verzweifelten Mutter bewusst als Partnerersatz heran erzogen. Streiflichter und Momentaufnahmen folgen. Das Leben des Ich-Erzählers, in oft jahrelang auseinander liegenden Augenblicken geschildert, hat etwas Bühnenhaftes an sich. Gesegnet mit Charme, blendendem Aussehen, beruflichem Erfolg taumelt er in unerträglicher Schwere von einem Flirtabenteuer zum nächsten, selbst die Ehe bleibt substanzlos. Ein verletzter Schmetterling, den man ins Herz schließt, mit ihm leidet und lacht. „Dann fragte ich mich, ob es einem letztlich nicht immer gelang, das zu bekommen, was man aus tiefstem Herzen begehrte!“ Liebe ist nie selbstlos. Schamlos klar wird das hier nicht dargestellt, sondern zelebriert. Trotzdem taucht selbst in den tragischen Abgründen, in der Kluft zwischen Erkenntnis und eigensinnigem Beharren federleichte Komik auf.

Das liegt natürlich an Djians Talent und der einfühlsamen Übertragung von Uli Wittmann, der den knappen Stil ohne Pathos, aber in geradezu gewalttätigen Sätzen auch im Deutschen zum Strahlen bringt. Schnörkellos wird hier das Terrain rund um ein ungeliebtes, aber von Sehnsüchten und der Angst vor eventueller Erfüllung geprägtes Leben abgesteckt.

B.K.
Veröffentlicht in der FURCHE 2005