Beatrix Kramlovsky

Roman, aus Englischen von Gregor Hens
Piper Verlag 2010, geb. 311 S.

Im Fadenkreuz der Kakerlake

Verstörend und hinreißend präsentiert sich ein Senkrechtstarter aus Kanada

Es beginnt mit einer Liebeserklärung. Der Erzähler, ein Migrant aus dem Libanon, der in Montreal gestrandet ist, hat sich in Schohreh verliebt. Allerdings misstraut er diesem Gefühl, wie er prinzipiell allem misstraut. Er lebt von der Stütze, findet Hilfsarbeit in einem Restaurant, muss nach einem Suizidversuch zur gerichtlich verschriebenen Therapie bei einer Psychologin, der er Lügen erzählt und dabei zu erschütternden Wahrheiten findet. Er ist einer von denen, die man auf der Straße übersieht, die man nicht wahrnehmen will und die sich ins Leben der Saturierten drängen, um nicht zu verhungern. Er sieht sich als lästiges Insekt mit Killerinstinkten und bewundert die Kakerlaken mit ihren so erfolgreichen Strategien.
Also lernt er von ihnen. Das liest sich hinreißend komisch und tragisch zugleich, denn frei von Skrupeln wird in Wohnungen eingebrochen, Essen gestohlen, in privaten Papieren geschnüffelt, mitgenommen, was gerade sinnvoll erscheint.

Rawi Hage, 1964 in Beirut geboren und in Ostkanada als vielfach ausgezeichneter Autor lebend, gelingt in seinem zweiten Roman ein verblüffendes Meisterstück: bewegt sich der Erzähler zuerst wie die Kakerlake, (die er im Übrigen auch tötet und aus seiner Absteige zu vertreiben versucht) wird sie später mannsgroß und in seinen Kifferträumen zur Gesprächspartnerin. Geschickt spielt Hage mit der Zweisprachigkeit Montréals, beobachtet als Außenseiter und von sozial weit unten den Kampf der anderen Verlierer und die mühevollen Aufstiege der Immigranten. Entstanden ist ein vielschichtiges Buch, das in der Übersetzung von Gregor Hens wenig von der schillernden Sprachgewalt verloren hat. Schade, dass sich der Verlag bei diesem im Englischen mehrfach ausgezeichneten Buch ein schlampiges Endlektorat leistete, die fehlenden Wörter gehen sicher nicht zulasten des Übersetzers.

Was sich  zu Beginn als originelle Verliererstory anlässt, gerät zu einem spannenden Roman über einen, der sich das Lieben selten gestattete und damit immer in Katastrophen landete. Diesmal versucht „die Kakerlake“, Schohreh vor ihrem Peiniger zu schützen und seine Anstrengung, endlich einmal alles richtig zu machen, damit es gut für alle ist, berührt zutiefst. Rawi Hages Meisterschaft verwandelt mit sehr speziellen Details und großartig  gewählten Bildern diesen von Mord und Trauer geprägten Roman in eine Darstellung von Liebe und menschlicher Nähe.

B.K.
Veröffentlicht in der FURCHE 2010