Von Außenseitern und gepflegten Innenräumen
Das spezielle Okular der Eva Maaser
von Beatrix M. Kramlovsky
Mit Eva Maaser reden bedeutet, sich auf eine leise Stimme einzulassen, die,
zögerlich, immer wieder unterbrochen von spritzig pointierten Hinweisen und
einem Lachen, das ihre Lebendigkeit verrät, verborgene Einblicke auf uns und
unsere Welt gewährt. Ihr umfassendes Wissen lässt sie nur durchblitzen, wer Rat
braucht, dem wird freizügig Auskunft erteilt. Sie hat Kunstgeschichte,
Theologie, Germanistik und Pädagogik studiert und lebt seit ihrer Geburt 1948 in
Westfalen, im Münsterland. Ihr feingeschnittenes Gedicht erinnert an
Porzellanpuppen, Watteaus filigrane Tänzerinnen. Ihre Hände verraten, dass sie
zupacken kann und von Gartenarbeit nicht nur die Theorie beherrscht.
Als ich sie kennen lernte, hatte sie gerade den "Paradiesgarten" veröffentlicht, eine 680 Seiten dicke "Schwarte", wie sie lächelnd untertrieb, und aus einem Gespräch über Rosenveredelung entstand eine Kartographie arabischer und mittelalterlicher Gärten, sprachlicher Wurzeln, poetischer Umsetzungen, ein philosophischer Diskurs. Das heißt, Eva redete, ich hörte zu. Gärten waren mir bis dahin als lebende Kunstwerke, als einzige, den Namen wirklich verdienende "Works in Progress" erschienen. Dass sie Spiegel der Geisteshaltung, religiöser Determinationen, grundsätzlicher Weltanschauung sind, machte Eva Maaser mir klar, en passant und maasermäßig.
Als verbindende Figur erschuf Eva Maaser für den "Paradiesgarten" den um 1200
in Bayern lebenden Klosterzögling Christoph, den es nach Venedig und von dort in
den Vorderen Orient verschlägt. Dort kommt es zu einer spannend präsentierten
Metamorphose. Christoph, der sich der Suche nach dem irdischen Paradies
verschrieben hat, teilt das Schicksal des "Ewigen Juden" und erlebt Jahrhunderte
europäischer Politik und dazugehöriger Gartengestaltung. Pflanzskizzen berühmter
Gärten, eingeschobene Conclusios in Briefform bereichern den Plot, der dadurch
nichts an Spannung verliert.
Das fällt überhaupt bei Eva Maaser auf: sie findet die richtige Stimme für das
Thema, das ihr am Herzen liegt. Ihr anderer historischer Roman "Der Moorkönig"
handelt von einem wissbegierigen Jungen, der im 19. Jahrhundert, der Zeit der
Bauernbefreiung und Napoleons, im Münsterland auf dem Lande lebt und das 2.
Gesicht hat. Ein farbiges Genrebild mit einer Unmenge an Einzelheiten aus dem
alltäglichen bäuerlichen Leben. Dass mir dazu immer wieder Gemälde einfallen,
liegt weniger am Stil, sondern an der plastischen Fülle von Details. Ihre
Sprache übernimmt keineswegs altertümliche Merkmale, führt aber trotzdem gekonnt
den Lesenden in der Zeit zurück. Wieder flicht sie Streitgespräche über
philosophische Standpunkte ein, das Thema über den Wert eines Lebens und die
individuelle, teils tragische Bewertung durch die Mitmenschen macht das Buch auf
jeden Fall auch für Lesende, die Genres prinzipiell ablehnen, interessant.
Das selbe gilt für ihre Kriminalromane, die alle in und um Steinfurt/Westfalen spielen. "Das Puppenkind" zeigt die bestürzend grässliche Facette eines übermächtigen Kinderwunsches. "Tango Finale" blättert in der Geschichte einer Obsession auch die Vorurteile auf, mit denen wir uns selbst ins Abseits stellen und andere ausgrenzen. Ein Ermittlerteam rund um Kommissar Rohleff, erfreulich mittelmäßig, wunderbar glaubwürdig und frei von Klischees, setzt sich mit den eigenen Schwächen und verborgenen Schattenseiten der Stadtbewohner auseinander. Das letzte Buch "Kleine Schwäne" hebt sich von den anderen insofern ab, weil hier eine Frauenstimme, eine Polizistin aus Rohleffs Team, über Verbrechen referiert. Der Blickwinkel ist ein anderer, der Ton, die Rezeption. Eine persönliche Betroffenheit, die Befindlichkeit des Opfers, das sich oft selbst als mitschuldig betrachtet, Scham und verlorene Würde werden vor der Kulisse von "Schwanensee" aufgefächert.
Man mag Eva Maaser vielleicht vorwerfen wollen, dass ihre Erzählweise
konventionell ist, aber die Art, wie sie ein Thema reflektiert und ihren
Protagonisten eine unverwechselbare Stimme gibt, ist unbezweifelbar gekonnt und
macht süchtig nach den nächsten Büchern. ("Der Moorkönig" ist bereits in der 5.,
"Das Puppenkind" in der 4. Auflage!). Ein Kunstmärchen für Kinder und Erwachsene
hat sie gerade abgeschlossen, ein historischer Roman über eine Astronomin des
18. Jhts. erscheint im Frühjahr. Die Vielschreiberin (bis zu acht Stunden
täglich!) kennt die Angst vor dem weißen Blatt Papier nicht:
"Wenn ich für eine Idee die richtige Figur gefunden habe, höre ich eine Stimme
im Kopf, die mir quasi diktiert. Ich schreibe in einem Fluss, wochenlang durch,
das ist reine Knochenarbeit. Ich höre eine Melodie, die immer stimmig für
Charaktere und Thema ist. Vielleicht sind die Bücher deshalb so unterschiedlich,
sie klingen einfach nach der Hauptperson, da ist sehr viel Musik beim Schreiben
in meinem Hirn und ich tue gut daran, ihr zu folgen."
Im Frühsommer ist eine Lesung in Wien geplant und wir können uns von der
Vielgestaltigkeit dieser Stimme auch in Österreich ein akustisches Bild machen.
Veröffentlicht in der "Buchkultur", 2003/