NEUE TÜREN, OFFENE FENSTER
Lyrik und ihr gesellschaftlicher Stellenwert. Eine essayistische Annäherung an Evelyn Schlag
von Beatrix M. Kramlovsky
Der neue Gedichtband von Evelyn Schlag liegt vor : Brauchst du den Schlaf dieser
Nacht, von Zsolnay sorgfältig herausgegeben und liebevoll inszeniert. Es geht,
wie immer, bei dieser leisen und so sehr überzeugenden Lyrikerin, um Liebe,
Liebe zu einem, dem ganz bestimmten Mann,
- Wir sind immer erst kurz/ Verheiratet als hätten wir uns/ Spät
kennengelernt nach allen/ Fehlern und wüssten besser als/ Die anderen was Liebe
ist Liebe/ Nur zwischen zweien die/ Immer im vollen Licht stehen, -
Auch wenn sie 1999 wie von ungefähr in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Anton
Wildgans-Preises Thoreau als Beispiel dafür nimmt, wie man in der Reduktion
Fülle, in der Zurückgezogenheit Weite erleben kann, worin sie ihm absolut
ähnlich ist, so ist sie es doch ganz und gar nicht in ihrer Betrachtung des
Einzelnen. Thoreau hat sich viele Gedanken über das menschliche Gemeinwesen
gemacht, aber den allzu nahen Umgang mit Menschen nicht geschätzt. Evelyn
Schlag, die sich hinter ihrem Werk versteckt und vor all zu großer Neugier
schützt, kann doch ihre Menschenfreundlichkeit nicht verleugnen. Sie ist
engagiert, auch wenn sie versucht, die Person Schlag aus der Betrachtungsweise
der Dichterin Schlag herauszuhalten.
So ist nicht nur die Liebe zu einem Mann, sondern auch zur Natur der Autorin ein
anliegen. Evelyn Schlag liebt es ebenso, Menschen an unterschiedlichen Orten zu
beobachten, die Essenz ihrer Bewegungen, Körpersprachen, Botschaften zu
analysieren und zu komprimieren.
Evelyn Schlag setzt sich mit diesem Schauen gleich in mehrfacher Weise
auseinander : sie überträgt nicht nur englischsprachige Dichter, sie analysiert
Lyrik anderer, um dem Modus deren Schauens auf den Grund zu kommen.
Ihre eigene Lyrik jedoch ist näher der Grundhaltung Thoreaus als der Arbeit z.B.
eines W.C. Williams oder der vielen anderen dichtenden Ärzte, die sie zum Teil
in ihren Grazer Poetikvorlesungen 1993 vorstellte. Denn sie verwendet zwar ihre
eigene Biographie, ihre eigenen Erlebnisse, ihre Umwelt, ihre Reisen als
Transportmittel. Sie reduziert jedoch die Welt auf den eigenen Blickwinkel, wie
das Thoreau getan hat, wie das Douglas Dunn, den sie kongenial ins Deutsche
übertragen hat, getan hat, jedoch nicht die Anekdotenhaftigkeit eines W.C.
Williams, der seine Patienten anzapfte, deren Geschichtchen verwendete als
Materiallieferanten, als Okulareinstellung auf die Menschen rundherum. Evelyn
Schlags Leben in der Dichtung ist eine vom Brotberuf – sie unterrichtet - völlig
abgetrennte Existenz. Als wäre da eine Mauer, eine Haushofer´sche Wand, die
beschneidet und trennt.
Diese Distanz einem Teil der eigenen Biographie gegenüber kann ich partiell
verstehen, ein Schutzmechanismus den Schülern und sich selbst gegenüber, eine
Ausklammerung des Bereiches, den man bewusst im eigenen Werk nicht wiederfinden
will. Damit versagt sie sich jedoch das Anzapfen einer Quelle, die ihr bei den
Ärzten empfindlich wichtig erscheint. Sie reduziert das Schauen und die
Übertragung des Analysierten in konzentrierte Sprache auf sich selbst. Sie macht
einen Teil ihres Seins öffentlich.
Sie arbeitet, vergleichbar einer Valie Export mit ihren Körperkonfigurationen,
einer Elke Krystufek beispielsweise in der Serie Chelsea Light, mit dem eigenen
Körper, den eigenen Erfahrungen, um Kunst zu schaffen, Umstände darzustellen,
das persönliche Erleben zu abstrahieren, zu verfremden, in die richtige Form zu
bringen, kreiert es zu einer für andere gültigen Aussage.
Körper als Werkstoff.
Bei Malerinnen ist es die Außenhaut, deren Abbild überstrichen, in Stellung
gebracht, inszeniert, in einem wohlüberlegten Gegenüber zu anderen sichtbaren
Dingen für den Betrachter zum Objekt gemacht wird. Er erkennt eine
Konstellation, die im besten Fall Schock, Aggression, Trauer, Freude,
befreiendes Lachen durch den visuellen Reiz in ihm auslöst.
Die Dichterin muss anders verfahren. Ihr Kunstmittel ist weniger auffallend,
nicht so spektakulär einsetzbar, wird nicht im Vorübergehen absorbiert. Die
Annäherung an ihr Werk muss bewusster geschehen.
/Ich sollte etwas lernen aber was es/ War zeigte sich noch nicht/ Es zögerte
als gehörte das dazu/ In diesen sich öffnenden Sekunden/ In denen Platz für das
Fremde war/
Glaubt man Lektoren und Vertrieben, so ist es eine verschwindend kleine
Handvoll, die Lyrik tatsächlich liest; unwichtig fürs Geschäft. Belastend fürs
Budget und ein Grund zu jammern für die Finanzabteilungen der Verlage.
Eigenartigerweise schrumpft die Anzahl der Leser jedoch nicht. Offensichtlich
wachsen immer neue Nutznießer, heran, so wie die Anzahl der Lyriker nicht
abnimmt.
Was beweist das? Gar nichts, sagen die Analytiker, denen große Zusammenhänge und
die "wirklich wichtigen Dinge" am Herzen liegen. Verdichtete Sprache gehört
nicht dazu. Warum greifen dann, selbst in der Ersten Welt, deren Bewohner
bekanntermaßen keinen so breiten Zugang zu lyrischen Bildern und Metaphern
pflegen wie anderswo, immer wieder Menschen zu Gedichtbänden? Warum ist das
Gedicht als Formel für Gefühle und Zustände immer, wirklich immer!, in
Diktaturen präsent und von Tyrannen gefürchtet? Warum bleiben uns einzelne Verse
im Gedächtnis, tröstend, aufrichtend, hilfreich? Die Lieder des Untergrunds und
der Unterdrückten verlieren sich schnell in der sogenannten freien Welt.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir zwar vordergründig frei leben, uns
jedoch den Gesetzen des Geldes unterwerfen, das Märchen vom Goldenen Kalb mit
Begeisterung tanzen. Diese zwei Bereiche, die Welt des Wortes und die Welt des
Geldes scheinen einander auszuschließen.
Wir mögen in unserer virtuellen Welt auf viele Facetten des Sprachgebrauchs
bewusst und kurzsichtig verzichten, freiwillig amputieren, - bis wir quasi in
einer Ausnahmesituation ein Buch aufschlagen, in einer Zeitung, im Internet bei
einem Gedicht innehalten, im Radio, im Film eine Rezitation hören. Und jemand
hat dem, was wir fühlen, aber nicht in Worte zu verpacken imstande sind, die
passende verbale Form verliehen.
Ein anderer Mensch hat uns seine Sprache zur Verfügung gestellt, seine Erfahrung
mit uns geteilt. Eine öffentlich gemachte Darbietung, die wir manchmal sofort
vereinnahmen, auf jeden Fall aber selten als das Geschenk ansehen, das es ist.
Künstler sind exhibitionistisch, das liegt in der Natur der Sache. Aber da ist
auch mit ein Grund, warum Künstler so oft so verletzlich sind, die
Öffentlichkeit fürchten: sie stellen ihr Innenleben zur Schau für alle
diejenigen rundherum, die in ihrer Wahrnehmung, in ihrem Ausdruck gefesselt,
behindert, benachteiligt sind.
/Immer wieder steht jemand nachts/ Mit seinem Geistern im Garten/ Faßt nach
den Enden des Tuchs/ Das den Himmel faltenlos spannt/
Mostviertelhügel
"Schreiben ist Ausatmen, Ausstoß" sagt Evelyn Schlags Alter Ego in der
Erzählung "Die Kränkung", 1987 erschienen, in der sie sich gekonnt mit Katherine
Mansfield als Schreibender und Schwerkranker auseinandersetzt.
Sie stellt uns Quintessenzen zur Verfügung. Ihre reduzierten Ausblicke können
leicht erlesen und übernommen werden. Ihr fehlt die überbordende Exotik eines
Derek Walcott, dessen gesellschaftliche Anklagen farbig und brillant,
schmerzhaft in den Zeilen lauern, Fäulnis im Herzen der Inselträume.
Evelyn Schlag dagegen:
/Wenn ich dir sage die Landschaften in/ Fremden Gedichten sehen immer größer
aus/..... /Wenn ich dir sage ich lerne so langsam ich/ Brauche Jahre um unsere
Landschaft zu sehen/
Wie nahe steht sie hier Thoreau, oder, um im selben Sprachraum zu bleiben, einem
Thomas Rosenlöcher? Wie sehr erinnern mich ihre Genrebilder an Siegfried
Anzingers frühe graphische Annäherungen an die Mostviertelhügel, an seine
zahlreichen Gouachen über Heuwagen in den Neunzigerjahren, jede für sich ein
Gedicht in Farbe, den Betrachter hinzwingend zum Schauen. Es geht darum, das
Detail zu erfassen, um das Ganze zu sehen.
Sehen und Benennen. Erst durch die Sprache wird das Reale existent.
Evelyn Schlag fehlt der distanziertere Blick einer Wislawa Szymborska, die aus
einem Okular die Welt zu betrachten scheint und deren bestechende Bilder
trotzdem berühren und wehtun. So arbeitet Schlag nicht. Sie bietet sich an, ihre
Verwundbarkeit, ihren Sinn für Ironie und ein breites Lächeln über Eitelkeiten
(z.B. in dem Gedicht Die Stimmen der Dichter in Lissabon), ihre Erinnerungen (
z.B. in Mythologien und Teddybären), ihre Liebesfähigkeit und Liebeserfahrung
vor allem.
In sorgsamer Bedächtigkeit führt sie uns heran an das, was wir sehen und nicht
benennen können, ersingt das Land ringsum und in uns. Der Leser atmet die
Erfahrung der Schreibenden ein, wobei sie trickreich und gekonnt mit
Zeilenumbrüchen und syntaxaufhebenden Pausen arbeitet. W.C.Williams Überzeugung
"Das Lokale gebärt das Universelle" hat sie vollkommen verinnerlicht.
Genauso geht sie jedoch auch an fremde Landschaften heran. Es wird atemlos der
Bezug zur eigenen, zur geliebten Person hergestellt, die Eindrücke werden
sprunghaft an der Topographie festgenagelt, nur vordergründig ist die Auswahl.
Ein kaleidoskopisches Sehen in konkreten, eng begrenzten Ausschnitten mit
auffallend wenigen Adjektiven klar umrissen. Momentaufnahmen, englische
Satzfetzen aus Taxis, verbale Streiflichter, – und diesmal ist es nicht Petrarca,
der die Trennung besingt, diesmal kommt Laura zu Wort, eine Verlassene und eine
Verlassende zugleich:
Du weißt noch wie ich flog/ Über London nach Washington/ Mein Herz war ein
Kolibri/ Genau über deiner Stadt/
Viele Geleise
Warum eignen sich Evelyn Schlags Gedichte so sehr dafür, aufgepfropft zu
werden auf eigene Empfindungen? Ich habe mir die Freude erlaubt, - völlig
unwissenschaftlich und statistisch absolut irrelevant -, fünf Frauen,
unterschiedlich alt, in unterschiedlichen Berufen und Verhältnissen, mit
unterschiedlich verbautem Zugang zur Lyrik, jeweils drei Gedichte zu mailen und
sie zu fragen, ob sie sich wiedererkennen. Ich ließ ihnen außerdem praktisch
keine Zeit, sich mit den Versen zu beschäftigen. Das Echo erstaunte mich,
begeistert mich noch immer.
Es wurden Erinnerungen wachgerufen, sie sprachen, nein, mailten über
Empfindungen, für die sie so lange nach den richtigen Wörtern gesucht hatten,
sie redeten über Männer an verschiedenen Orten, diffuse Geschichten, die sie neu
überdachten, weil irgendein Wort in einem der Verse sie darauf gestoßen hatte.
Es hatte nichts mehr mit dem lyrischen Ich zu tun. Aber sehr viel – trotz allen
Gelächters und aller Anekdotenhaftigkeit, auch einer gewissen Bitternis – mit
Evelyn Schlag.
Alles Ornamentale, alles, was Sprache im Prinzip verdunkelt, sollte von
Schreibenden abgelehnt werden, damit für die Lesenden Klarheit herrscht. Denn
Metaphern und Similis, Wortkonstellationen verbinden sich im Kopf des
Rezipienten mit dessen Erfahrungen und gespeicherten Bildern und führen so zu
einem Paralleltext.
Ich stelle mir das immer wie einen Kopfbahnhof vor. Das Originalgedicht, die
ursprüngliche Geschichte stellt ihn dar. Viele, viele Gleise führen hinaus,
dicht beieinander zu Beginn, sich rasch verzweigend, unterschiedlichen Zielen
entgegen. Der Ausgangspunkt ist allen gleich. Das Ende ist variabel. Darum
bedeutet ja jedes Buch jedem etwas anderes, evoziert Lyrik, selbst wenn sie
programmatisch ist, unterschiedliche Bilder.
Jeder von uns verwahrt lyrische Bruchstücke, seien sie aus einem Kinderlied, aus
einem Song einer heftig verehrten Band, einem Gebet, zum Klischee verkommen und
abgenützt wie es manchen Gedichten von Erich Fried oder Hermann Hesse passierte
-. Mit den Jahren verstummten sie, wurden unwichtig, um plötzlich wieder
aufzutauchen. Alte Bekannte, die wir nun in einem anderen Licht betrachten, denn
unser Blickwinkel hat sich verschoben, unsere Erfahrungen haben uns geprägt. Die
Vorstellung von uns als Jugendliche, als junge Menschen ist gekoppelt mit diesen
Texten, strahlenden Schwanengesängen, die wir auf einmal als Ausgangspunkte
erkennen, keine Weichenstellen, aber Kennzeichnungen und stimmige Darstellung
individueller Befindlichkeiten. Kino also im Kopfbahnhof.
Evelyn Schlags neuer Gedichtband ist jedem zu empfehlen, dem dieses Vexierspiel
mit der eigenen Biographie nicht unbekannt ist. Es ist nicht die Faszination an
der Vernetztheit, die Gleichzeitigkeit so vieler an so vielen Orten, derer sich
die Autorin annimmt, sondern der Augenblick der Öffnung:
Ich wünsche mir einen Voyeur/ Wie Vermeer so diskret/ Der seine Scham mit ins
Bild malt/ Wenn er mir zusieht/ wie ich die Briefe lese/
Und dann das Schließen des Schirms, dieses willentliche lautlose Wegtreten:
Und mit dem eiligen eiligen Druck/ Meines Fingers den Brief und/ Mich selbst
verschwinden lasse/
Auch hier begeistert mich die Subtilität ihrer Zeilenumbrüche, die Art, wie sie
Pausen setzt, Wortgefüge zerlegt. Sätze werden auch physisch empfunden. Der
Mensch ist ein Sprachhaus und Evelyn Schlag findet neue Türen und offene Fenster
dafür.
Veröffentlicht in "Morgen" 09/2002 Kulturberichte