Hamid Sadre
Wien voll Staub
In dunkle Geheimnisse führt Hamid Sadrs Roman "Der Gedächtnissekretär".
Von Beatrix M. Kramlovsky
Ein alter Wiener Fotograf, durchaus liebenswert und schrullig, plant als
krönendes Lebenswerk einen Bildband, der die Zerstörung von Gebäuden, die
Vernichtung "kultureller Güter", "kunstgeschichtlich wertvollen Baumaterials"
in den letzten Kriegsmonaten zum Thema hat. Nicht die getöteten oder
ausgebombten Menschen sollen interessieren, sondern die steinernen Hüllen.
Seine Fotos sind sechzig Jahre alt, seine Beine so schwach, dass er jemanden
für die Recherche, die Laufarbeit braucht. Denn den historischen Aufnahmen soll
die Gegenwart gegenüber gestellt werden, es geht ihm um Spurensuche, um das,
was bleibt. Ein iranischer Chemiestudent findet sich für diesen schlecht
bezahlten Job. Sehr langsam entwickelt sich die Geschichte des jungen
Ich-Erzählers, der in Geldnot und ohne wirklichen Freundeskreis eine besondere
Erfahrung blüht.
Hamid Sadr, 1946 in Teheran geboren und seit fünfzehn Jahren in Österreich
beheimatet, erzählt berührend, detailverliebt und trotzdem reduziert mit leiser
Komik, die schmerzt, denn die Stadt entpuppt sich als von recht realen Geistern
heimgesuchter Ort. Sadrmacht das sehr geschickt. Völlig unspektakulär erzählt
er von seinem Helden, der für den alten Fotografen Standort, Stimmung und
Objekt auf den Bildern mit der jetzigen Wirklichkeit überprüft. Und sehr sachte
schleicht sich in die Erzählung ein beunruhigender Aspekt ein:
"Aber ein paar Fotos und das Schöne war weg, als ob es nie da gewesen wäre."
Beklemmungen
Die Stadt in der Stadt drängt sich vor. Jedes Bild deckt auf. Jedes Foto
kommentiert. Ein Erwachen findet statt, aber der einzige, der erwacht, ist der
junge Fremde, der doch nichts damit zu tun haben will! Es ist ein Blickwinkel,
der manchem Wiener nicht gefallen mag, der schmerzt, weil er Vergangenes
aufdeckt. Aber es ist auch ein Text, der nur mit großer Liebe für diese Stadt
so geschrieben werden konnte. Spannung entsteht natürlich durch die
Konstellation und permanente Gegensätzlichkeit von alt und jung, Heimischem und
Fremden, Saturierten und Bedürftigen.
"....die Luft dieser Stadt war voller Staub der Geschichte. Seit dem Nachmittag
sah ich überall Bilder vom Steinbruch vor mir, auf dem die ausgehungerten
Gestalten schwere Granitblöcke auf den Schultern hin und herschleppten. Wien
sah danach anders aus, verstaubt – und daran konnte nicht einmal ein gesegneter
Wein aus dem Weinviertel etwas ändern."
Dem Studenten, liebevoll als "Gedächtnissekretär" apostrophiert, wird klar,
dass Geschichte nie etwas Abgeschlossenes sein kann, dass wir alle
Vergangenheit mit uns schleppen, manche versteckt wie der alte Fotograf, manche
offen. Sadrhebt keinen moralischen Zeigefinger, es gibt keine
Schuldzuweisungen. Aber sein junger Protagonist verwandelt sich langsam in
einen Zeugen verdrängter Befindlichkeiten, einen Chronisten wider Willen,
"Nicht im einzelnen, sondern in der Summe wusste ich mehr über die Stadt und
den Krieg als jeder andere Fremde hier.", der verzweifelt versucht, sein
eigenes, persönliches, absolut freundliches Bild Wiens für sich zu behalten.
Das muss in gewisser Weise misslingen.
Als der alte Mann krank wird und ins Spital muss, spitzt sich die Lage für den
Studenten ebenfalls zu, die Arbeit an dem geplanten Bildband wird auch für ihn
zu einer persönlichen Angelegenheit, einer Verbannung der Schatten, einem
Fixieren fremder Schrecken, dem er sich nicht mehr entziehen will. Gleichzeitig
wächst die Angst vor dem Wissen. "Widerwille davor, im ungeahnten Dunkel seines
Dachbodens etwas finden zu können, das ich besser nicht hätte finden sollen..."
Teilen
Und mit wem kann er es teilen? Seine Bekannten, Studenten und Emigranten wie
er, haben selbst genug zu tun, um notwendige Bedürfnisse zu stillen, das
Überleben in der Fremde zu managen. Die Stadt ist dafür nur Kulisse, nicht
unbedingt hilfreich, aber trotz aller Widrigkeiten geliebt. Da kann er kein
Verständnis dafür erwarten, dass sich Erinnerungen Wildfremder über seine
eigenen Wahrnehmungen stülpen, dass er sich nicht mehr zu helfen weiß, sich
nicht abgrenzen kann gegen längst gelebtes Leben.
Das Ende der Geschichte ist offen bis zu einem gewissen, versöhnlichen Grad,
spürbare Zärtlichkeit liegt in dieser Schilderung. Dass der junge Iraner gerade
von dieser Stadt und ihren dunklen Geheimnissen in die Psychiatrie getrieben
wird, mag skurril anmuten. Dass er sich gegen den alten Mann endlich und fast
zu spät abgrenzt mit einem Gedicht, Lyrik als Waffe verwendet, ist in seiner
eigenen Herkunft, der immer noch gelebten persischen Liebe zur Poesie
begründet.
Kein Wunder, dass dieses leise Buch, das heraussticht aus den
Veröffentlichungen zu Österreichs "Gedankenjahr", mich neugierig auf den
nächsten Roman von Hamid Sadrmacht.
Hamid Sadr: Der Gedächtnissekretär, Deuticke Verlag, Wien 2005, ISBN
3-552-06006-5, 239 S., € 20.50
Veröffentlicht in "Die Furche", Nr. 36/8.September 2005