Österreichische Literatur der Gegenwart

Essay:

Quergedanken zur österreichischen Gegenwartsliteratur

Frauen lesen. 70 Prozent aller Lesenden sind Frauen. Und das Gros liest oft aus anderen Gründen als Männer: weniger, um sich abzulenken, sich zu entspannen, oft, um Neues kennen zu lernen, oft, um sich in ihrer persönlichen Situation nicht alleine zu fühlen, oft, um Hilfe zu finden, manchmal, um zu flüchten.

Dass man liest, um etwas über sich selbst herauszufinden, ist wenigen klar. Aber genau das geschieht. Und genau das ist es, was uns so empfänglich für Geschichten, für gut erzählte Geschichten macht.

Wir haben einen großen Vorteil, den nicht alle Länder haben: wir sind das geschrumpfte Überbleibsel eines Weltreiches und: wir liegen immer noch an einem geographischen Schnittpunkt, am längsten europäischen Strom, am gewaltigsten europäischen Gebirge, am Rande der am längsten durchgängig bewohnten Ebene Europas. Das prägt, auch wenn man das vielleicht gar nicht so will oder es einem nicht immer bewusst ist.

Darum ist es notwendig, auch für das Verständnis der absoluten Moderne, die Klassiker der Gegenwart, Schnitzler, Zweig, Kafka, Ebner-Eschenbach zu lesen. Man bekommt dadurch Verständnis für unsere Vielschichtigkeit. Wir sind ein Volk, das seit Jahrtausenden an einer Grenze lagert, Filter ist für die Zuwanderer aus dem Osten, die Richtung Westeuropa unterwegs sind, feinmaschiges Sieb für die nach Osten ziehenden Westeuropäer. Die Arroganz des Sesshaften haben wir natürlich ebenso wie alle anderen verinnerlicht, - man schaut überall auf der Welt als Inländer auf Neuankömmlinge gönnerisch bis ablehnend, auf jeden Fall aber zuwartend herab. Aber die Assimilation betreiben wir hinterfotziger als unsere Nachbarn.

Österreichische Literatur : Wurzeln der Autoren

Der echte Österreicher hat Wurzeln in zumindest drei Volksgruppen, den Germanen, den Slawen, den ugrischen Wandervölkern aus Zentralasien. Die Befindlichkeit des Österreichers ist eine durch und durch gespaltene. In jeder sozialen Schicht, in jedem Bildungsniveau. Dies führt mich aber nun zu dem roten Faden, der sich für mich quer durch die österreichische Literatur der Moderne zieht: die speziell österreichische Variante der Beziehung von literarischer Fiktion und Wirklichkeit.

Stellen Sie sich vor wie eine österreichische Ursuppe, quasi ein Paläogulasch, ganz besonders angereichert mit Ingredienzien aus der ganzen Welt. Wien, Österreich ist alles andere als multikulturell. Jedoch ist es der geographische Raum einer hinreißend verführerischen ASSIMILATIVEN Kultur. Das ist das Beste, was einem Grenzland passieren kann. Dass viele seiner Einwohner darauf leider nicht stolz sind, ist ein Faktum, das uns Künstlern weh tut. Dass unsere Kunst auf der ganzen Welt angenommen, verstanden, auch geliebt wird, hängt wohl aber damit zusammen, dass man im vordergründig Fremden die vertrauten eigenen Wurzeln wiedererkennt. Also ist es kein Wunder, dass österreichische Autoren im Iran, in der Türkei, in Japan z.B. einen so hohen Stellenwert genießen, dort als verwandt betrachtet werden.

 .....Liebe natürlich, Liebe und Tod.......

Sie lesen.

Das nehme ich jetzt einfach so à priori an. Sie lesen, wenn es sich nicht um Fachliteratur handelt, Romane aus den unterschiedlichsten Genres, jede hat ihren Lieblingsbereich, der sich immer wieder ändert, weil wir uns ja ändern. Jede von Ihnen hatte schon mit fiktiven Figuren zu tun, die extrem fesselten, die Einfluss nahmen, die wütend machten, aufgeregt, traurig, bereichernd verständnisvoll waren oder Sehnsüchte weckten. Der Autor wusste natürlich nichts davon, aber er legte es darauf an.

Österreichische Literatur : was wollen Autoren?

Autoren wollen immer etwas ganz Bestimmtes von ihren Lesern. Österreichische Autoren wollen natürlich nichts anderes als ihre Kollegen, aber eine auffallend hohe Anzahl österreichischer Dichter/innen und Autor/innen stellen offensichtlich auch in sehr fremd anmutenden Kulturen ein Thema  so dar, dass Lesende sich erkannt, getröstet, lebendig und nicht allein gelassen fühlen. 

Österreichische Literatur : über Autorinnen

Frage an Sie:

Haben Sie je Bertha von Suttners gesellschaftliche Romane gelesen? Oder ihre Sammlung soziologischer Essays "Maschinenzeitalter"? Haben Sie sich mit Ida Pfeiffer und deren wissenschaftlichen Berichten und Reisegeschichten beschäftigt? (Sie wurde von Humboldt als eine der außergewöhnlichsten Frauen seiner Zeit zwei Herrschern vorgestellt und sowohl von Königin Viktoria als auch von Kaiser Wilhelm geehrt. Von Franz Josef kam nichts.) Und machen wir einen Sprung zur Genreliteratur: Auguste Groner, Wienerin, schrieb Krimis, die auf psychologischen Erkenntnissen fußten und erfand eine Figur, die Sherlock Holmes wunderbar ähnlich und literarisch ebenbürtig ist, nur um gute 20 Jahre früher als Arthur Conan Doyle. Groners Bücher wurden übrigens in ganz Europa gelesen.

Das sind jetzt einfach drei willkürlich gewählte österreichische Autorinnen, die sich sehr unterschiedlich mit Fiktion beschäftigt haben, mit dem Abbild der Wirklichkeit. Groner beschrieb Reportagen, historische Artikel über Stadtforschung und erlag der verständlichen Versuchung, gesellschaftliche Missstände in Romanform anzuprangern. Pfeiffer, eine ungemein belesene Frau, betrachtete Fiktion als Fluchtmöglichkeit (hauptsächlich in den Jahren ihrer unglücklichen Verliebtheit und den manchmal finsteren Zeiten ihrer Ehe), bis sie in Wirklichkeit reisen konnte und sich über den fehlenden Wahrheitsgehalt so mancher Bücher und Berichte derart aufregte, dass es sie selbst zum Schreiben anregte. Und von Suttner ist ein Paradebeispiel für die Verflechtung von fiktiver Wirklichkeit, realen Zuständen und wie man schreibend auf beides Einfluss nehmen kann.  

Wir alle sind Geschichten. Unser Leben ist eine Aneinanderreihung gelebter Topoi, Motive, Szenen. Nichts, was wir erleben, ist neu. Neu ist, wenn es uns gerade passiert, ungefiltert, direkt, maßlos, erschütternd, verändernd. Im Nachhinein erkennen wir vielleicht, was tatsächlich geschehen ist, können die Essenz erfassen, das Thema. Manchmal schaffen wir das nicht alleine, wir brauchen Hilfe von außen. In nicht wenigen Fällen sind das Bücher. Halt! Hier muss ich mich abgrenzen. Ich verwahre mich dagegen, mit esoterisch angehauchter, leicht gestrickter Massenware in einen Korb geworfen zu werden. Es geht mir a priori weder um die Geschichte als Fluchtmöglichkeit noch als simple Lebenshilfe. Denn im Gegensatz zum Kitschproduzenten, dessen Werk schon seine Berechtigung haben mag, vermag  der Künstler nicht nur einen einzigartigen Aspekt einer Erzählung zu finden, sondern auch, eine Sprache zu kreieren, die individuell, originell, klischeefrei und wahrhaftig ist, sich dem Thema unterwirft und ihm dient. 

Das Besondere an österreichischer Literatur

Wahrheit ist immer eine Frage des persönlichen Standpunktes.

Darin liegt die Crux, die moralische Verpflichtung des Autors, aber auch alle Herrlichkeit und Freiheit. Bei einem schreibenden Menschen aus Österreich ist natürlich, wie bereits erwähnt – Sie sehen, ich rühre in meinem Gulasch kräftig - immer auch ein gehöriges Quentchen Humor und Selbstironie dabei. Beim Wiener noch viel mehr. Nicht umsonst sagt Peter Wehle, dass das Wienerische eine rhythmische Philosophie mit Humor ist und damit eine besondere etymologische Insel innerhalb des Österreichischen.

 "Das Herstellen von Visionen und Wahnvorstellungen ist das Hauptanliegen meines Lebens," sagt Friederike Mayröcker, "Halluzinationen erzeugen, Doppel- und Dreifachbilder, was anderes wär einfach nicht wahr."           

Ein Schriftsteller schreibt eine Geschichte. Er erfindet eine neue Welt, Personen, denen das widerfährt, was man gemeinhin das Schicksal nennt. Er bringt seine Zuhörer, seine Leser zum Lachen, erschreckt sie, entspannt sie, lässt sie zittern, weinen, nicht einschlafen. Er schenkt ihnen die Worte, die sie selber nicht finden, er bietet Gefühle an, die sie sich vielleicht im Augenblick nicht selber zutrauen, Momente, die sie sich wünschen. Sie erkennen sich selbst in dieser fiktiven Welt, ihre Wirklichkeit, er hält ihnen NUR einen Spiegel vor. Aber es ist seine Hand, die den Spiegel hält, er bestimmt den Bildausschnitt, er bestimmt den Winkel.

Ich nehme als Beispiel Elfriede Gerstl, die mittlerweile eine beeindruckende Anzahl wichtiger internationaler Preise bekommen hat. In einem Gedicht über das Beobachten von Menschen konstatiert sie ihre Suche nach Wahrheit:

Ich übe mich im spazierengehen

in den vernünftigen grenzen

mal umsehen

mal brillen wechseln

mit der Zeit gehe ich genauer

Raoul Schrott weist auf die etymologischen Wurzeln hin, wenn er das irische Wort fili für Dichter ableitet von fil = da ist, schau!

Also schauen wir! Österreichische Lyrik hat ihren Stellenwert weltweit – bloß viel zu wenig im eigenen Land. Wer liest schon Gedichte?

Glaubt man Lektoren und Vertrieben, so ist es eine verschwindend kleine Handvoll, unwichtig fürs Geschäft, belastend fürs Budget, ein Grund zu jammern für die Finanzabteilungen der Verlage. Eigenartigerweise schrumpft die Anzahl der Leser jedoch nicht. Offensichtlich wachsen immer neue Nutznießer, heran, so wie die Anzahl der Lyriker nicht abnimmt.

Was beweist das? Gar nichts, sagen Analytiker, denen große Zusammenhänge und die "wirklich wichtigen Dinge" am Herzen liegen. Verdichtete Sprache gehört nicht dazu. Warum greifen dann, selbst in der Ersten Welt, deren Bewohner bekanntermaßen keinen so breiten Zugang zu lyrischen Bildern und Metaphern pflegen wie anderswo, immer wieder Menschen zu Gedichtbänden? Warum ist das Gedicht als Formel für Gefühle und Zustände immer, wirklich immer!, in Diktaturen präsent und von Tyrannen gefürchtet? Warum bleiben uns einzelne Verse im Gedächtnis, tröstend, aufrichtend, hilfreich? Die Lieder des Untergrunds und der Unterdrückten verlieren sich schnell in der sogenannten freien Welt.

Ich denke, es hat damit zu tun, dass wir zwar vordergründig frei leben, uns jedoch den Gesetzen des Geldes unterwerfen, das Märchen vom Goldenen Kalb mit Begeisterung tanzen. Diese zwei Bereiche, die Welt des Wortes und die Welt des Geldes scheinen einander auszuschließen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir so leichtfertig auf Sprache und Wortinhalte verzichten und erst, wenn unser individuelles Verstummen zu Schmerzen, zu Krankheit führt, uns der Möglichkeiten wieder erinnern, die uns Schriftsteller und Dichter zur Verfügung stellen. 

Und ich denke, das ist auch der Grund, warum ich in so vielen Diktaturen oder Ländern mit starker Zensur so viele übersetzte Zeilen von österreichischen Kollegen wiederfinde. Geschätzt, geliebt. Auch wegen des Lachens, das sich in so vielen Nuancen in unserer Literatur breit macht.

Österreichische Literatur : Das Surreale

 Mit Hilfe des Schriftstellers kann die Gesellschaft sich selbst beobachten. Selbst in der Verfremdung mit surrealen Aspekten (wie bei Kafka und den zeitgenössischen Österreichern wie Frischmuth, Neuwirth, Gruber, Röggla) wird klar, wie wir sind, was wir sind. Allerdings hat sich ein wenig der Aspekt verschoben. Hat schon Kafka über den Beamtenapparat Grotesken geschrieben, die zu den bedrückend-berückendsten des deutschen Sprachraums gehören, so klingt es bei den Gegenwartsautoren trotz desselben Themas anders. Kafka sieht den Menschen ausgeliefert dem Staatslabyrinth, leidet mit dem Opfer, bleibt hilflos in seinem Konstatieren. Wir nun, frei von der kaiserlichen Zensur, nutzen die Satire, die Möglichkeit, nicht den Staat zu kritisieren, - das ist vergebliche Liebesmüh, denn der kümmert sich ja sowieso nicht darum, - sondern die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie aufmucken dürfen, sich beschweren können, laut werden. Die gesamte Autorengruppe des Grazer Herbstes hat aus der in Österreich bereits äußerst sanft revoltierenden 68-er Bewegung diese galgenhumorige Kritik an den Zuständen entwickelt, den Zorn über Gegebenheiten mit den feinen Spitzen der Ironie versehen. Thomas Bernhard hat es darin zur absoluten Meisterschaft gebracht, Wolfgang Bauer, Peter Turrini, auch Barbara Frischmuth wollen dieses Lachen den Institutionen gegenüber nicht verleugnen, klauben sich ein Individuum heraus, arbeiten fiktiv an der Realität entlang, fantastische Figuren, wirkliche Menschen. Alle sind in gewisser Weise Johann Nestroys Kinder. 

Und wo bewege ich mich in der österreichischen Literatur?

Ich schreibe über den Tod. Ich höre zu, wenn Kriminologen und Profiler berichten, Therapeuten analysieren. In der U-Bahn, beim Heurigen bietet man mir häppchenweise den verbalen Umgang mit der Gewalt. Zerlegtes Grauen. Ich muss nichts erfinden, Verbrechen werden, medial aufbereitet, frei Haus geliefert. Und trotzdem erliege ich der Versuchung, fiktive Verbrechen zu planen, Täter zu modellieren, Opfer zu schaffen. Was macht das Böse aus? Die Normen dafür sind unterschiedlich. Die einzige Form der willentlichen Auslöschung, die  in allen Kulturen zu allen Zeiten als Kapitalverbrechen geahndet wurde und wird, ist der Muttermord. Das mag mich wegen der Rückschlüsse interessieren, für die Schilderung und Beschreibung ist es nicht von Belang. In der zeitgenössischen Fiktion Europas werden mehr Morde geschildert als die Realität aufweist. Das Thema ist offensichtlich für Autoren und Leser attraktiv, der Krimimarkt boomt. Totschlag als Marktlücke, Mordsgeschichten als zulässiges und vor allem unschädliches Ventil eigener, tödlicher Gelüste?

Meine zweite Kurzgeschichte, vor fast dreißig Jahren veröffentlicht, schildert ein Kind, das den erhängten Lieblingsonkel im Obstgarten findet, plötzliche Erkenntnis endlosen Schreckens. Spätestens da war mir klar, dass mich dieses Thema lebenslang beschäftigen würde. Die typische Genreliteratur war mir noch unbekannt, ich orientierte mich an den blutigen Machenschaften eines Macbeth, der mörderischen Eifersucht eines Woyzeck, der tödlichen Hinterfotzigkeit und Lust, die Arthur Schnitzler oder Ödön von Horvath beschrieben. Agatha Christie las ich selten, hauptsächlich wegen ihrer treffend spritzigen Dialoge. Die Morde empfand ich als Garnierung. Patricia Highsmith  bewunderte ich um ihrer Fähigkeit willen, den Leser zum Sympathisanten eines Mörders zu machen. Traditionelle Detektiv-geschichten interessierten mich wenig.

Mord, Jagd und Sühne scheinen mir ohnedies wiederkehrende Elemente der sogenannten klassischen österreichischen Literatur zu sein.  Dass ich mich nicht auf ein Genre festlegen möchte und lasse, ist damit klar.  Ich denke, manche meiner Bücher sind dem Krimi nahe, alle aber, auch die Dramen, dienen der Beschreibung eines österreichischen Sittenbildes, dem Porträt einer vielschichtigen Gesellschaft.

Und nicht Verständnis ist mein Ziel, sondern Nachvollziehbarkeit. Schriftstellerei ist Schauspielerei mit anderen Mitteln auf einer anderen Bühne.

Als Künstlerin fasziniert mich die äußerliche Schönheit, Gediegenheit, Ausstrahlung, die Böses so oft aufweist. Blendend, überwältigend, verführerisch. Egal, wie krank mich diese Erkenntnis als Privatperson macht, als Autorin habe ich die Aufgabe, ein überzeugendes Spiegelbild zu entwerfen. Erfundene Wahrheiten.

 

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