VERKNOTUNGEN
Familiäre Abhängigkeiten können doch noch ein spannendes Thema sein, wenn sich
der richtige Autor darum annimmt. Philippe Djian hat aus einer als eigenständige
Erzählung konzipierten Geschichte einen Episodenroman gebaut, der berührt und
zum Nachdenken anregt.
Am Anfang steht die Flucht des Vaters und der zu diesem Zeitpunkt elfjährige
Sohn wird nun von der verzweifelten Mutter bewusst als Partnerersatz heran
erzogen. Streiflichter und Momentaufnahmen folgen. Das Leben des Ich-Erzählers,
in oft jahrelang auseinander liegenden Augenblicken geschildert, hat etwas Bühnenhaftes an sich. Gesegnet mit Charme, blendendem Aussehen, beruflichem
Erfolg taumelt er in unerträglicher Schwere von einem Flirtabenteuer zum
nächsten, selbst die Ehe bleibt substanzlos. Ein verletzter Schmetterling, den
man ins Herz schließt, mit ihm leidet und lacht. "Dann fragte ich mich, ob es
einem letztlich nicht immer gelang, das zu bekommen, was man aus tiefstem Herzen
begehrte!" Liebe ist nie selbstlos. Schamlos klar wird das hier nicht
dargestellt, sondern zelebriert. Trotzdem taucht selbst in den tragischen
Abgründen, in der Kluft zwischen Erkenntnis und eigensinnigem Beharren
federleichte Komik auf.
Das liegt natürlich an Djians Talent und der einfühlsamen Übertragung von Uli
Wittmann, der den knappen Stil ohne Pathos, aber in geradezu gewalttätigen
Sätzen auch im Deutschen zum Strahlen bringt. Schnörkellos wird hier das Terrain
rund um ein ungeliebtes, aber von Sehnsüchten und der Angst vor eventueller
Erfüllung geprägtes Leben abgesteckt.
B. Kramlovsky
Philippe Djian: Reibereien, Diogenes 2005, 234 S. ISBN 3-257-86116-8
20,50 €(A), 19,90 € (D), 34,90 SFr.
Veröffentlicht in "Die Furche” Nr. 29/21.Juli 2005