MÖRDERISCHE PLANSPIELE

Über die Faszination des Bösen

von Beatrix M. Kramlovsky

Ich schreibe über den Tod. Ich höre zu, wenn Kriminologen und Profiler berichten, Therapeuten analysieren. In der U-Bahn, beim Heurigen bietet man mir häppchenweise den verbalen Umgang mit der Gewalt. Zerlegtes Grauen. Ich muss nichts erfinden, Verbrechen werden, medial aufbereitet, frei Haus geliefert. Und trotzdem erliege ich der Versuchung, fiktive Verbrechen zu planen, Täter zu modellieren, Opfer zu schaffen. Was macht das Böse aus? Die Normen dafür sind unterschiedlich. Die einzige Form der willentlichen Auslöschung, die in allen Kulturen zu allen Zeiten als Kapitalverbrechen geahndet wurde und wird, ist der Muttermord. Das mag mich wegen der Rückschlüsse interessieren, für die Schilderung und Beschreibung ist es nicht von Belang. In der zeitgenössischen Fiktion Europas werden mehr Morde geschildert als die Realität aufweist. Das Thema ist offensichtlich für Autoren und Leser attraktiv, der Krimimarkt boomt. Totschlag als Marktlücke, Mordsgeschichten als zulässiges und vor allem unschädliches Ventil eigener, tödlicher Gelüste?

Immer wieder Mord

Meine zweite Kurzgeschichte, vor fast dreißig Jahren veröffentlicht, schildert ein Kind, das den erhängten Lieblingsonkel im Obstgarten findet, plötzliche Erkenntnis endlosen Schreckens. Spätestens da war mir klar, dass mich dieses Thema lebenslang beschäftigen würde. Die typische Genreliteratur war mir noch unbekannt, ich orientierte mich an den blutigen Machenschaften eines Macbeth, der mörderischen Eifersucht eines Woyzeck, der tödlichen Hinterfotzigkeit und Lust, die Arthur Schnitzler oder Ödön von Horvath beschrieben. Agatha Christie las ich selten, hauptsächlich wegen ihrer treffend spritzigen Dialoge. Die Morde empfand ich als Garnierung. Patricia Highsmith bewunderte ich um ihrer Fähigkeit willen, den Leser zum Sympathisanten eines Mörders zu machen. Traditionelle Detektivgeschichten interessierten mich wenig.
Mord, Jagd und Sühne schienen mir ohnedies wiederkehrende Elemente der sogenannten klassischen Literatur zu sein, den das Genre vordergründig aburteilenden Literaturwissenschaftlern und Verlagsleuten stehe ich auch jetzt noch skeptisch gegenüber. Natürlich ist die Bandbreite – wie überall - vorhanden von absolutem Schund bis hin zu kristallin, verführerisch gut geschriebenen Büchern. Mich mit der Arbeit der Kollegen auseinander zu setzen empfinde ich auf jeden Fall bereichernd.

Phänomen Kindsmord

1994 begann ich mich für das Phänomen des Kindsmordes zu interessieren, die möglichen Gründe in Gedanken nachzuspielen. Ich bin selbst mehrfache Mutter. Die Tötung von Kindern, mit denen man bereits Lebenszeit und Erinnerungen geteilt hat, erschreckte und faszinierte mich. Medea war eine Figur, die ich verstehen lernen wollte. Während der Arbeit an diesem Buch ("Das Risiko"), das ich bewusst nicht als Kriminalroman verstanden, sondern als Geschichte eines Verbrechens gelesen haben wollte, ging die Nachricht von zwei Müttern, die ihre Kinder (und sich selbst) unter anderem auch töteten, um den Vater und Partner zu strafen, durch die österreichische Presse. Es kostete mich unendlich viel Kraft, trotzdem weiterzumachen und den Gefühlen solcher Frauen Sprache und die passenden Bilder zu verleihen. Für mich war es wieder ein Beweis dafür, wie real Erfundenes sein kann. Dass das Buch später in Deutschland auch als Science Fiction Roman rezensiert wurde, fand ich grotesk.

Serienfiguren erfinden

Mord und Totschlag verlangen vom Autor Recherche, Planung, logische Strukturen, nachvollziehbare Aktionen und Gefühle. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Insofern ist der Spielraum enger als in anderen Erzählarten, bietet jedoch vor allem reizvolle Möglichkeiten, soziale Gegebenheiten und gesellschaftliche Phänomene darzustellen. So habe ich mich in meinem zuletzt erschienenen Roman "Auslese" mit Arbeitslosigkeit, der Welt des AMS auseinandersetzen können und verband meine Einsichten mit der Schilderung von Serienmorden und Borderline Syndrom. Insofern ist es ein klassischer Kriminalroman geworden, als ich einen veritablen Polizeiinspektor erfand, der laut Kritik ausbaufähig für weitere Fälle ist.
Höre ich meinen KollegInnen zu, so fällt mir auf, wie viel Freude, Zorn, Erschöpfung und Hingabe sie der Entwicklung einer Serienfigur verdanken. Normalerweise leben wir Schreibenden ein bis mehrere Jahre mit unseren fiktiven Helden, die Wohnungen und Familienleben mit uns teilen, eine Wirklichkeit erlangen, die manchmal erschreckend – und für die realen Familienmitglieder ermüdend sein kann. Stellen Sie sich vor, einen Protagonisten jahrelang weiterzuentwickeln, über mehrere Bücher hinweg einen glaubhaften Lebensweg zu inszenieren, einen Menschen zu erschaffen, der nur in Ihrem Kopf – und später in Variationen in Ihren Lesern existiert. Aber diese Schöpfung nimmt so viel an Raum, Zeit, Energie, Gefühle ein, wird so penetrant Teil Ihres Privatlebens! Genealogie, soziales Umfeld, biographische Einzelheiten, nichts bleibt verborgen. Das gerät zu einer Art von Symbiose, die bei den meisten nach gewisser Zeit zu abrupter Trennungslust führt. Ein fiktiver Partner, eine Dreiecksgeschichte zwischen wirklichen und erfundenen Menschen!
Es geht nicht nur darum, eine adäquate Sprache zu finden, sondern auch, in die Rolle des Opfers – oder, faszinierender, in die des Täters zu schlüpfen. Nicht Verständnis ist mein Ziel, sondern Nachvollziehbarkeit. Schriftstellerei ist Schauspielerei mit anderen Mitteln auf einer anderen Bühne.

Des Lesers Grauen steuern

Nur einmal war es mir bisher unmöglich, für die plötzlich aufflammende und völlig enthemmte Wut eines Täters das absolut passende Vokabular zu finden. Ich entschloss mich, die Perspektive zu wechseln, die Sicht der Sterbenden zu übernehmen. Natürlich ist gerade in solchen Szenen die Zurücknahme der eigenen Person das Wichtigste. Meine Aufgabe ist, das Grauen des Lesers zu steuern, mit wenigen Worten zu schüren, unerwartete Bilder in seinem Kopf explosionsartig abzurufen. Im optimalen Fall entsteht in diesem Augenblick aus dieser Zusammenarbeit die perfekte Geschichte. Als Künstlerin fasziniert mich die äußerliche Schönheit, Gediegenheit, Ausstrahlung, die Böses so oft aufweist. Blendend, überwältigend, verführerisch. Egal, wie krank mich diese Erkenntnis als Privatperson macht, als Autorin habe ich die Aufgabe, ein überzeugendes Spiegelbild zu entwerfen. Erfundene Wahrheiten.

Unumgängliche Wahrheiten

Voraussetzung dafür ist auch der fundiert recherchierte Hintergrund – ein Aspekt meines Berufes, den ich liebe: ich muss mich mit sehr unterschiedlichen Themenbereichen so weit beschäftigen, dass auch versierte Fachleute die Oberflächlichkeit meines jeweilig angelernten Wissens nicht stört. Diese Einsichten in stilistisch aufregender, sprachlich originärer und dem Spannungsbogen unterliegender Form aufzubereiten, ist schwere Arbeit. Hier wie im Bereich des Dialoges, wo es um den glaubwürdigen Sprachduktus der erfundenen Personen geht, sind die Qualitäten guter Autoren am leichtesten nachprüfbar.
Arbeite ich an einem Roman, in dem das Böse nur peripher erscheint, nehme ich immer wieder und lustvoll Aufträge für Krimi-Kurzgeschichten an, denn ich empfinde die klassische Form der Short Story als fantastische Möglichkeit, die Essenz einer Geschichte herauszuschälen. Zumindest für kurze Zeit und auf wenigen Seiten erarbeite ich mir das Phänomen eines Verbrechens zur Kunst – ein Aspekt, der typisch für Österreich sein mag. Das Erschrecken über unsere tödlichen Lüste ist mir trotz makaber skurriler Situationen, trotz der permanenten Beschäftigung damit geblieben.

Artikel erschienen im Dossier der Furche 26/26 Juni 2003