Yasmine Ghata

Schrift als Suche

Yasmine Ghatas Roman "Die Nacht der Kalligraphin"
Von Beatrix M. Kramlovsky

Rikkat Kunt starb 1986 am Bosporus und erhielt von der türkischen Regierung ein Ehrengrab als die beste Kalligraphin des Landes. Denn sie hatte trotz der Verbote unter Atatürk die Kunst des Schreibens gerettet, an der Universität unterrichtet und vollkommen erneuert. Diesem außergewöhnlichen Leben geht die französische Enkelin Yasmine Ghata in ihrem ersten Roman nach. Die Schönschrift wird zur Lebensmetapher für die Suche nach Gott, mach dem Absoluten und zur Sucht. Und die Arbeit an perfekten Zeichen gerät zum Geländer, das in privaten Dramen Hilfe bietet.

Erstaunlich, dass seitenlange Diskurse über Schönschrift, Technik und Form der Zeichenmalerei nie langweilen. Hier setzt eine junge Schriftstellerin, im Brotberuf übrigens Historikerin und Spezialistin für islamische Kunst in Paris, das Können ihrer Heldin um in eine erzählerische Arabeske, die langsam, aber spannend das tragische Geheimnis der Künstlerin enthüllt.

Kalligraphie besingt die Schöpfung, sucht aber auch, einen fassbaren Rahmen dafür zu finden. Der westliche Mensch ist schwer zu begeistern für die Bildhaftigkeit und die künslterischen Möglichkeiten der arabischen Schrift. Dass sie unter den türkischen Reformern als Gefahr angesehen wurde, erinnert jedoch an Repressalien, denen viele Künstler, die Wort und Bild eine neue Form zu geben versuchen, ausgesetzt sind. Rikkat Kunt war in den alten Methoden ausgebildet worden, aber sie modernisierte maßgeblich eine aussterbende Kunst, um sie in die Moderne hinüber zu retten.

Hinzu kommt in diesem Fall, dass sich eine Frau in einem Männerland in einem Männerberuf durchgesetzt hat. Ihre zwei Vernunftehen litten unter der Besessenheit der Künstlerin, wie das auch in westlichen Ehen passierte und passiert, die zweite Beziehung endete katastrophal.

Dennoch werden Schrecken und Terror nur ansatzweise Raum gegeben. Das, was nicht gesagt wird, wiegt schwer in diesem Roman. Als hätte sich die Autorin eine Regel der Kalligraphin zu Herzen genommen: die dargestellte und genau limitierte Leere bestimmt, ob ein Zeichen das Richtige richtig vermittelt. Yasmine Ghata ist das grandios gelungen.


Yasmine Ghata
Die Nacht der Kalligraphin
Aus dem Französischen von Andrea Spingler
Amann Verlag 2007, 154 Seiten, geb., E 18,40

Veröffentlicht in "Die Furche", Nr.14/5.April 2007