Rezensionen in Tageszeitungen werden sichtbar weniger, vor allem wenn es um Titel geht, die fern jeder Bestsellerliste Spannung, eine eigene literarische Stimme, einen interessanten Aspekt, eine Geschichte bieten, die es wert ist, dass man sich darauf einlässt. Also beschloss ich, aus meinen über Jahre hinweg erschienenen Buchbesprechungen Einige online zu stellen (natürlich mit Erstpublikation angegeben). Vielleicht hilft es, interessante Arbeiten im Gespräch zu halten, an Kollegen zu erinnern, von Kolleginnen weltweit spannende und wirklich gelungene Übersetzungen wieder in die Hand zu nehmen.
Die Reihenfolge richtet sich nicht nach dem Veröffentlichungsdatum, sondern nach alphabetischer Reihung der Autorennamen.
Genießen Sie mein Angebot, durchstöbern Sie weiterhin Buchläden und Antiquariate, Wühlkisten oder die Bücherregale Ihrer Freunde!
Beatrix Kramlovsky
Ferdl ist bereits in den besten Jahren, als in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts seine Mutter Anni an Krebs stirbt. Er ist ein schweigsamer Installateur in einem Dorf, das ihm zwar geradezu unangenehm vertraut, aber keine wirkliche Heimat ist. Eigentlich will er seine Ruhe haben, nicht rühren an verdrängte Wahrheiten und schmerzende Einsichten. Bloß kann sich der Ferdl das Denken nicht versagen, auch wenn ihn erschreckt, was ihm zu Nachbarn und zur eigenen Familie einfällt.
Die Alkohol verbrämten Leichenschmaus Erinnerungen zwingen Ferdl geradezu, sich mit der Mutter, die sowohl Anni als auch Susanne heißt, und der seltsamen Tante Meri auseinander zu setzen. Und dann, kaum hat sich Ferdl vom mütterlichen Sterben erholt, ist die unnahbare Frau Tante tot; unter dubiosen Umständen wird sie gefunden. Allerdings wird das dem Ferdl zunächst verheimlicht.
In mehreren Strängen wird die verflochtene Geschichte der drei Familienmitglieder aufgedröselt. Die gewaltigste Stimme gehört Ferdl, der in österreichischer Erzählmanier das Perfektum geradezu feiert.
Dorothea Bauer glückt hier ein überzeugender Nestroy’scher Zungenschlag, gepaart mit der dazu passenden Erkenntnis und ihren bitteren Pillen. Großartig die punktgenau gesetzte banale Bosheit, die naive Hoffnung, umrahmt von Wurschtigkeit und ergebener Zuneigung, bohrender Zweifel inkludiert. Überzeugend entwickelt die erst 1990 geborene Studentin der Publizistik und Philosophie die tragischen Höhepunkte und verbindet, ohne ein Wort zu viel, Biografien aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Der chilenische Einschub erklärt Charaktere und Geschichte meisterlich, weil die junge Schriftstellerin genau weiß, worauf sie sich beschränken muss und wie sie die Einblicke limitiert. Wunderbar dicht und aufregend entfaltet sich das Drama über diesen Außenseiter zwischen zwei starken Frauen und dem suspekten Vater.
Als Ferdl endlich wütend wird, im Zorn zu sich findet und sein Leben den Leidenschaften öffnet, ist die Bewunderung für das auch subtil komische Talent der jungen Autorin bereits ungebrochen. Dieser Roman ist ein hinreißendes Debüt, ein stilistisch und erzählerisch glänzendes Bravourstück, das mit Freude auf die nächste Erzählung warten lässt.
B.K.
Veröffentlicht in der FURCHE und im PODIUM 2014
Die Liebe ist keine Himmelsmacht….
Das dachte ich mir mitten im Roman, und doch hoffen wir so sehr, dass sie es ist, und dass wir durch sie zu anderen, besseren, spannenderen Menschen werden.
Da gibt es also diesen jungen Studenten, der nicht glaubt, dass sich sein Leben je wieder zum guten wenden kann, weil er plötzlich alleine ist:
„….er braucht sie, weil sie ihm Gesichtszüge verpasst, die er ohne sie niemals entdeckt hätte.“
Der junge Mann (er hat keinen Namen) besorgt sich einen Revolver. Er stellt sich dabei reichlich nervös und ungeübt an, (er bekommt nicht einmal das Stück, das er eigentlich will,) ist er doch mit Verbrechen und der Gewaltszene nicht vertraut, sondern einfach ein unglücklich Verliebter, der im Suizid seine Rettung sieht. Denn sie, die entzückende Bregenzer Liebe seines letzten Sommers, hat ihn wortlos verlassen. Nun besitzt er statt der gewünschten Pistole eine Waffe, die er mit Wildwestfilmen verbindet, und entdeckt, dass es gar nicht so leicht ist, sich umzubringen. Geschickt versteckt er seine Gefühle vor Freunden, ein trostloser Narr, der für sich ein spezielles Russisches Roulette erfindet.
Raoul Biltgen hat eine wunderbar kitschfreie Liebesgeschichte geschrieben, die im Grunde das Erwachsen Werden zum Thema hat, den Weg zur Erkenntnis, dass Menschen uns verändern, bereichern und öffnen für andere. Und dass das immer mit Schmerzen verbunden ist, mit Missverständnissen, Wortlosigkeiten, Leidenschaften, die romantische Idyllen ad absurdum führen. Selbst in den glücklichsten Augenblicken ist Einsamkeit präsent. Für diesen Widerspruch hat Raoul Biltgen die passende Sprache gefunden.
Der Held ist Student in Wien und verbringt den Sommer als Hilfsarbeiter bei den Seefestspielen im Bregenz. Es ist brütend heiß, die Sonne scheint ihn auszubrennen und gleichzeitig aufmerksam für Details zu machen. Denn zufällig sieht er sie: sie lenkt einen Spielzug für Kinder und deren erschöpfte Eltern an der Seepromenade. Eine Vorarlbergerin also, von der er wenig Privates erfahren wird, außer, dass sie sein Leben auf den Kopf stellt. Sie wird mit ihm ein paar Wochen am Mittelmeer verbringen, eine wunderbare Zeit, die ihn kompromissloses Lieben lehrt. Niemand kann die Lücke, die sie hinterlässt, füllen. – Oder doch?
Raoul Biltgen ist aus dem Luxemburgischen nach Wien gezogen, wo er als Schauspieler, Dramaturg und Autor arbeitet. Als Dramatiker entwickelt er seinen ersten Roman fesselnd in zwei Strängen:
Er folgt dem Helden, erzählt in der Gegenwart von dem Moment des Waffenkaufs weg und wie sich die folgenden Tage entwickeln. Als wäre das nicht spannend genug, unterbricht er permanent, um der Erinnerung des Mannes zu folgen, dem Kennenlernen in der Vergangenheit, der Fahrt ins blinde Glück, der schmerzlichen Trennung nach diesem Sommer, dem Wiedersehen in Wien: „… so spürt er auch sein Leben als seines, weil er sich auf ihres eingelassen hat.“
Stilistisch entpuppt sich Biltgen als Meister in der Tempoführung, verschärft und drosselt gekonnt, um im überraschenden Schluss das eigentliche Wesen der Liebe darzustellen. Und das hat er wirklich gut gemacht! Selten wird er opulent, bevorzugt manchmal radikale, kantige Beschreibungen. Spannend, wie er die Lebensverdrossenheit seines Helden nachvollziehbar macht, wie dessen Flucht in eine Schattenwelt Angst weckt, wie eine unerwartete Kehrtwendung den Höhepunkt noch verstärkt. Dies ist ein moderner Werther, der seine eigene Lösung finden wird.
Am Ende verfließen die Erzählstränge ineinander und eröffnen ein weiteres Abenteuer für den erwachsen gewordenen Mann. Oder auch nicht? Die richtigen Fragen bleiben offen; auch das spricht für diesen überraschenden Erstling, der in diesem kleinen, aber feinen österreichischen Verlag innerhalb kürzester Zeit ein zweites Mal verlegt wurde. Ein sprachlich versierter Roman nicht nur für lesende Studenten und aufgeweckte junge Frauen. Der Kollege hatte auch mir und Freundinnen eine ganze Menge mit seinem „Jahrhundertsommer“ zu bieten.
BK für die FURCHE 2015
In diesem kurzen Roman geht es um die Geschichte einer jungen Frau, die von Wut erfüllt ist, von einem Zorn, der ihre Haut fast zum Platzen bringt. Daher entwickelt sie schmerzliche Strategien: Ich habe Angst, dass jemand weggeht. Deswegen gehe ich immer zuerst.
Es erinnert, natürlich, an die zelebrierte Innenschau der 70-er Jahre, man schwankt zwischen Ärger, Belustigung, Verständnis und manchmal Wiedererkennung. Das versöhnt durchaus mit den endlosen Spiralen, in denen die Autorin in die Tiefen ihres vehementen Ärgers, ihrer Trauer führt. Das Alter Ego gesteht im Rückblick als 30-Jährige, dass Schreiben nichts anderes bewirkt als sich von Schuld reinzuwaschen – und gleichzeitig widerlegt die Schriftstellerin Breidenstein diesen Ansatz.
Nur Mayröcker kühlt meine Brust. Das glaubt man sofort, denn der Einfluss der Meisterin ist in diesem Roman „Und nichts an mir ist freundlich“ auf jeder Seite nachzulesen. Auch ein Echo auf die genialen Wortlisten der Mayröcker findet sich wieder. Darunter leidet ein wenig die eigene Originalität. Dabei ist die große Stärke dieses Textes über einen verlorenen Kindheitsgarten und die wieder herbei geschriebene grüne und tröstende Idylle eine beeindruckende Sinnlichkeit.
Ariane Breidenstein, 1974 in Bergisch Gladbach geboren, lebt jetzt in Berlin. Dieser sperrige Text ist ihr beeindruckendes Debüt. Es ist ein Buch, das sich zum Lautlesen, zum langsam Lesen anbietet, weil jedes Satzzeichen so bewusst als hörbare Textmarke gesetzt ist.
Wie bei Heidi in Frankfurt läuft es in dieser Elternkind-Auseinandersetzung nicht, es wird kein erfreuliches Ende angeboten, aber das Lamentieren über das Unvermögen so vieler, vor allem der direkten Familienmitglieder, sich auf den Schmerz der Dinge, der Pflanzen, der Tiere einzustellen, ist stilistisch bestechend. Und Ariane Breidensteins Idee, die Sensibilität für alles Nichtmenschliche einzufordern, weil dadurch vielleicht mehr Offenheit für Menschen entsteht, wird nachvollziehbar ausgedrückt.
BK für die FURCHE 27/3, Juli 2008
„Warum finden, wenn man auch suchen kann?“ Pauls Lebensweisheit ist ein brauchbarer Krückstock durch die letzten Kriegsjahre als Soldat und als Rückkehrer an die dänischdeutsche Grenze. Platziert wird die Geschichte um Silvester 1978/79, in der Woche, die dem deutschen Norden eine fürchterliche Schneekatastrophe brachte. Erzählt wird vom dreißigjährigen Jannis, einem Waisenkind, das Paul Tamm im schlimmen Winter ´44 gerettet und seiner Frau „geschickt“ hat.
Unspektakulär beginnt der erste Roman von Jan Christophersen, doch schnell gerät er zu einer packenden Spurensuche. Denn Jannis weiß nichts von seinen halb englischen Wurzeln, beobachtet als Kind nur die armseligen Ostflüchtlinge, denen der Grenzübertritt nach Schleswig-Holstein gelungen ist und die jahrelang in Pauls Wirtshaus mitgefüttert werden. Die Animositäten zwischen Deutschland und Dänemark bilden den politischen Rahmen, der „Grenzkrug“ in Vidtoft die neue Heimat, Pauls kleine und so großherzige Familie ein Zuhause, in dem Jannis trotz aller Liebe der Zugezogene, der nicht dazu Gehörende bleibt.
Geschickt verwebt Jan Christophersen, 1974 in Flensburg geboren, die Schilderungen vom Watt, der einzigartigen Landschaft, mit historischen Fakten aus der Zeit der Hanse, der schwierigen Nachkriegszeit mit dem dramatischen Geschehen während des Wintersturms, in dem sich das Leben der gesamten Familie Tamm ändern wird. Pauls Vorliebe für die Sagen und Gedichte rund um die versunkene Stadt Rungholt, die es tatsächlich gegeben hat, ist der Motor für ein Leben als Amateurarchäologe. Paul sucht und gräbt im Schlick, schafft es, den Ziehsohn Jannis mit seiner Begeisterung anzustecken, und über Jahre an sich zu binden.
Spannungen bleiben nicht aus. Dabei kommt Pauls Frau Kirsten, die Chefin genannt, mit offenem Herzen alleine gegen engstirnige Bürokraten, feindselige Nachbarn, gierige Opportunisten gut zurecht. All zu lange wehrt sich Jannis gegen die Hinweise, die ihn zu seiner eigenen Herkunft führen, gräbt er sich ein in dem Grenzdorf, ignoriert den Ruf in die Ferne. Wunderbar gerät die Geschichte hier zu einer auf mehreren Ebenen operierenden Jagd nach und Verschleierung von Fakten.
Wer Liliencrons Ballade vom Blanken Hans gelesen hat und für Storms Novellen ein modernes, überzeugendes Gegenstück sucht, wird begeistert „Schneetage“ lesen, der gekonnt sparsam gehaltenen Sprache folgen. Jan Christophersen ist ein brillantes Debüt gelungen.
BK für die FURCHE, Nr. 27/2.7.2009
Dieses Buch ist ein Glücksgriff für jede Leserin, die nicht nur intelligent kriminell unterhalten, sondern auch noch lachen und erschreckt durchatmen in Einem möchte.
Wer den Vorgängerband „Lady Bag“ bereits kennt, erwartet den Blick von unten auf die Gesellschaft, die speziellen Beobachtungen einer Obdachlosen, die aus einer bürgerlichen Existenz abgerutscht ist, mit dem Teufel redet, eine alte Windhündin gerettet hat, Elektra, die Vertraute, Freundin und Heizkissen in einem ist. Lady Bag hat außerdem so etwas wie menschliche Freunde, Pierre und Schmister, die ein Kapitel für sich sind.
Der zweite Kriminalroman „Krokodile und edle Ziele“ beginnt in einem englischen Frauengefängnis, in dem Lady Bag, eigentlich Angela May, als Gefangene die Sanitärräume putzen muss. Ihr zur Seite und oft ausflippend die junge Mutter Kerrilla Cropper, die Lady Bag erfolgreich bittet, nach der Entlassung ihren kleinen Connor zu besuchen.
Lady Bag ist glücklich über die wieder erlangte Freiheit und froh, dass Pierre sie abholt und sich anscheinend um alles gekümmert hat. Nun plant sie die Vereinigung mit Elektra, ein ordentliches Besäufnis und dann irgendwann einmal den widerwillig versprochenen Besuch bei Connor. Aber alles kommt anders.
Das Leben, wie es Lady Bag vor ihrem Gefängnisaufenthalt kannte, gibt es nicht mehr. Eine kleine Katastrophe löst die nächste ab, die Tage entwickeln sich als rasanter Reigen von Missverständnissen, Schrecken, Fürchterlichkeiten – und in seinem barock überladenen Desaster ist das pures Lesevergnügen, weil es so unerwartet lustig ist. Die Schnelligkeit der Ereignisse wird durch die brüske Schilderung, die irrwitzige Stimme Lady Bags noch gesteigert.
London aus dieser Sicht hat absolut nichts mit dem London von uns allen zu tun. Es ist die unsichtbare Parallelwelt der Besitzlosen, der Verlierer, an die wir gar nicht streifen wollen. Alles, was passiert, ist zwar zum Teil grotesk, zum Teil richtig komisch, zum Teil rührend, jedoch ist es vor allem wirklich schlimm! Niemand will das erleben, was Lady Bag erlebt. Und doch kann man nicht zu lesen aufhören, will wissen, wie Pierres unmögliches Verhältnis mit der Eisprinzessin weitergeht, wie Connor überleben darf, wie zu den unterschiedlich geringen kriminellen Vergehen immer mehr Gesetzesübertretungen kommen. Fast alle Menschen in diesem Panoptikum meinen es gut und wollen Gutes. Aber es kommt nur Wahnsinn dabei heraus.
Und das Böse schläft nicht.
Dieser ungewöhnliche Kriminalroman ist eine Kategorie für sich.
Das eigentliche Geschenk offenbart sich jedoch nur für die deutschsprachige Leserin. Else Laudan hat schon im ersten Band eine passende Version von Lady Bags Straßenjargon (vermischt mit bürgerlichen Sprachrestbeständen und litaneienartigen Anrufungen des Teufels) erschaffen. Jetzt aber ist ihr das Kunststück gelungen, ihre eigene Leistung zu übertreffen. Über 430 Seiten hält sie ein unglaubliches Tempo in einem Deutsch aufrecht, das aufeinander prallende, einander widersprechende Gefühle, individuelle Stimmen aus unterschiedlichen Berufsgruppen und der Obdachlosenszene im Idiom der Lady Bag hörbar macht. Sie hat Wörter erfunden, Klänge kombiniert, mit Silben gespielt. Diese Übersetzung ist eine phantastische Übertragung des englischen Originals!
Man sollte dieses Buch unbedingt zweimal lesen. Das erste Mal wird schnell gehen, weil einen das Tempo mitzieht und man wissen möchte, was denn noch alles passieren kann, wenn schon jedes Detail entweder bizarr oder von Schrecken erfüllt ist. Das zweite Mal sollte man genießen, wie diese Geschichte erzählt wird und darauf achten, welche Wörter Else Laudan gewählt hat, um Liza Cody gerecht zu werden.
Dann erst offenbaren sich die vielen Kurven, Schlenkerer und Arabesken dieser Handlung, das skurrile, wunderbar erfundene Personal und die Liebe, die, auch wenn sie gerade lautstark geleugnet wird, den Roman durchtränkt.
Ein literarisches Lesevergnügen über die Finsternis der Gosse und mancher Herzen, über Erbarmungslosigkeit und unerwartete Wunder!
BK für BK auf www.crimechronicles.co.uk 2017
Es gehe um Freunde, um eine Dreiecksbeziehung, erfrischend neu erzählt, kündigt der Verlag an. Aber eigentlich ist dieses Debüt das Logbuch mehrerer Verführungen, eine Geschichte über die Faszination des Grausamen, über die Bereitwilligkeit, mit der wir zu oft zum Opfer gemacht werden wollen.
Mareike Fallwickl legt mit „Dunkelgrün, fast schwarz“ ihren ersten Roman vor und siedelt ihn dort an, wo sie daheim ist. Der Dürrnberg oberhalb Hallein, eine alte Kulturlandschaft im Schatten der Salzstollen, tiefe österreichische Provinz, ist der Ort, an dem das Böse ins Kraut schießt:
Die Farben dort waren düster und zerschlissen, bauschten sich zu Mündern, aus denen kein Ton kam.
Fallwickl kennt hier jeden Winkel, jede Wetterlage, verwendet den Dürrnstein bravurös nicht nur als Kulisse, sondern immer wieder als Metapher für die Seelenlage ihrer Helden. Um ihre Gestrandeten am Berg noch tiefer im Inseltopos zu verankern, wählt sie Ankömmlinge, Städter und Großstädter, Bürgerliche im Arbeitermilieu der Salzindustrie, Fremde, von Bauern umgeben. Diese Migrationsmelodie zieht sich durchs ganze Buch: Moritz bleibt trotz anderer Pläne im Ort, hat den Inselberg immer im Blick; Rafael und Johanna bereisen die Welt, werden die Erinnerung an das Leben am Berg jedoch nie los. Alle drei sind voller Unsicherheit, das falsche Leben gewählt zu haben, beständig am falschen Platz und sich selbst abhanden gekommen zu sein. Ihre Entscheidungen werden fatalerweise beeinflusst von Eltern, die Schwäche zeigen, aus Scham schweigen, sich der Liebe ausgesetzt fühlen.
Die junge, überforderte Mutter Marie (der dazugehörige Mann studiert in Wien noch Medizin fertig) lernt in der Bergsiedlung nahe dem Kurhaus eine andere überforderte Mutter kennen. Zu ihrer Erleichterung schließen die kleinen Söhne eine Freundschaft, die jahrelang halten wird. Moritz ist ein stiller Bub, einer, der Farben sieht, die Menschen als Farbfelder wahrnimmt. Noch dechiffriert er nicht, versteht nicht, was sich ihm enthüllt. Später liebt er diese Gabe, dann vernachlässigt er sie bewusst. Rafael ist der Abenteurer, Pirat, Anführer, voller Witz und kruder Ideen. Die Mütter ahnen etwas – und schweigen entsetzt. Kann ein Kind von Natur aus böse sein?
Der Roman beginnt Mitte der Achtziger Jahre in einem alten Haus am Berg und endet 2017 mitten in Hallein. Die Erzählstimmen von Moritz, der Mutter Marie, seiner ersten Liebe Johanna kreisen um das Geschehen, vor allem aber um Rafael. Marie hat das Wesen Rafaels schnell erkannt, aber auch den Charme, die Intelligenz, die spielerische Leichtigkeit und später die erotische Anziehung des Knaben. Sie fürchtet ihn wie sie seinen Vater fürchtet. Johanna ist ein einsames Opfer, das sich nur zu gerne in Abhängigkeiten verstrickt, Liebe mit Unterwerfung verwechselt, besessen davon, zur perfekten Partnerin zu mutieren. Moritz ist eine Mischung aus tumbem Tor und naivem Träumer, einer, der das Beste für alle will, der loyal ist und seinen eigenen Stärken und Talenten nicht wirklich traut. Diese vier Menschen führen ein beängstigend dichtes Quartett auf, das in gewisser Weise alle anderen Menschen aus ihrem Umfeld ausschließt, nicht nur jene, die zu Kollateralschäden in Rafaels Spielen werden, sondern auch jene, die stark genug sind, um sich seiner Faszination zu entziehen.
Die Abfolge der Kapitel erschließt sich nicht immer, auch die Platzierung des Schlusskapitels ist zu offensichtlich einer erzählerischen Kreisfigur geschuldet. Vielleicht hätte eine behutsame Straffung die Geschichte noch beeindruckender gemacht, hätte einige am Rande des Kitsches angesiedelte Formulierungen eliminiert. Auch die leider jedes Klischee aufgreifende Szene in Las Vegas gehörte beschnitten.
Aber trotz dieser Schwächen zeigt der Roman die beeindruckende Erzählstärke der jungen Autorin und macht zu Recht neugierig auf die Themen, die sie in Zukunft bearbeiten wird.
BK für die FURCHE 2018
Rikkat Kunt starb 1986 am Bosporus und erhielt von der türkischen Regierung ein Ehrengrab als die beste Kalligraphin des Landes. Denn sie hatte trotz der Verbote unter Atatürk die Kunst des Schreibens gerettet, an der Universität unterrichtet und vollkommen erneuert. Diesem außergewöhnlichen Leben geht die französische Enkelin Yasmine Ghata in ihrem ersten Roman nach. Die Schönschrift wird zur Lebensmetapher für die Suche nach Gott, mach dem Absoluten und zur Sucht. Und die Arbeit an perfekten Zeichen gerät zum Geländer, das in privaten Dramen Hilfe bietet.
Erstaunlich, dass seitenlange Diskurse über Schönschrift, Technik und Form der Zeichenmalerei nie langweilen. Hier setzt eine junge Schriftstellerin, – im Brotberuf übrigens Historikerin und Spezialistin für islamische Kunst in Paris,- das Können ihrer Heldin um in eine erzählerische Arabeske, die langsam, aber spannend das tragische Geheimnis der Künstlerin enthüllt.
Kalligraphie besingt die Schöpfung, sucht aber auch, einen fassbaren Rahmen dafür zu finden. Der westliche Mensch ist schwer zu begeistern für die Bildhaftigkeit und die künstlerischen Möglichkeiten der arabischen Schrift. Dass sie unter den türkischen Reformern als Gefahr angesehen wurde, erinnert jedoch an Repressalien, denen viele Künstler, die Wort und Bild eine neue Form zu geben versuchen, ausgesetzt sind. Rikkat Kunt war in den alten Methoden ausgebildet worden, aber sie modernisierte maßgeblich eine aussterbende Kunst, um sie in die Moderne hinüber zu retten.
Hinzu kommt in diesem Fall, dass sich eine Frau in einem Männerland in einem Männerberuf durchgesetzt hat. Ihre zwei Vernunftehen litten unter der Besessenheit der Künstlerin, wie das auch in westlichen Ehen passierte und passiert, die zweite Beziehung endete katastrophal.
Dennoch werden Schrecken und Terror nur ansatzweise Raum gegeben. Das, was nicht gesagt wird, wiegt schwer in diesem Roman. Als hätte sich die Autorin eine Regel der Kalligraphin zu Herzen genommen: die dargestellte und genau limitierte Leere bestimmt, ob ein Zeichen das Richtige richtig vermittelt. Yasmine Ghata ist das grandios gelungen.
BK für die FURCHE Nr.14/5.4. 2007
Lena hat Glück, denn eine wohlsituierte Freundin verreist und braucht dringend jemanden, der ihre Wohnung betreut. Lena genießt daher eine helle Zuflucht mit Balkon und einem hinreißenden Blick über die Dachlandschaft des zentralen Wien. Ein perfekter Zufall für die junge Frau, die sich mit Gelegenheitsjob schlecht über Wasser hält, neu angekommen in einer Stadt, die ihr noch fremd ist.
Also feiert sie alleine auf „ihrem“ Balkon mit einer Flasche Wein und einer Prise Gras. Nicht weit entfernt entdeckt sie auf einem anderen Dach einen Mann und zwei Frauen, offensichtlich auch beim Feiern. Plötzlich ist die eine Frau verschwunden. Und Lena weiß nicht, wurde sie gestoßen, ist sie gesprungen oder doch einfach nur zurück ins sichere Haus gegangen? Denn keine Reaktion erschüttert das Paar. Was hat Lena gesehen, was bildet sie sich ein?
Aus dieser geradezu klassischen Ausgangssituation entwickelt Anne Goldmann eine aufregende Spurensuche, ein Psychogramm, das erschreckt, eine Spirale scheinbar alltäglicher Gewalt. Alles passiert, und das bringt die Geschichte so faszinierend nahe, im dichten Häusergewirr der Altstadt, ohne dass Touristisches auch nur gestreift wird, in einem Wien der Wiener, atmosphärisch dicht, ohne Sehenswürdigkeiten und Denkmalpflege. Und trotzdem erfährt man eine Menge über Wiener Leben und Fakten, in der österreichischen Hochsprache, die sich einer anderen Melodie unterwirft als das deutsche Deutsch, ohne sich dialektischer Regionalvarianten zu bedienen. Lena heißt eigentlich Milena, was in Wien für einfache Gemüter eine aus dem Osten Hinzugezogene implementiert, für Belesene jedoch sofort eine Verbindung zu Kafkas Geliebter auslöst. Dieses Doppelbödige macht einen weiteren Reiz des dicht erzählten Romans aus. Anne Goldmann inszeniert ihre Figuren zwar in einer großen Stadt, baut jedoch ein Kammerspiel auf rund um diese junge Frau, die, von Enttäuschungen geprägt, nicht wirklich bindungsfähig ist und doch auf erfrischende Art naiv.
Denn Lena kann das Verschwinden der Frau vom Dach nicht verdrängen. Sie geht damit ihren neuen Freunden auf die Nerven, sie sucht Fakten, die ihre Angst begründen können, sie findet Widersprüche, die ihr Kraft geben, vor allem, als sich eine Sozialarbeiterin meldet, die die verschwundene Frau vom Dach selbst verzweifelt sucht.
Nebenher hat Lena endlich beruflichen Erfolg, entscheidet sich für einen Liebhaber, entdeckt freundliche Nachbarn. Was wie eine erfreuliche Entwicklung klingt, liest sich jedoch nicht so. Anne Goldmann schafft es, einen beunruhigenden Ton einzumischen. Misstrauen wächst, selbst Georg, der ihr langsam wirklich ans Herz wächst, reagiert auf ihre Spurensuche verdächtig.
Und während klar wird, dass Lena in Gefahr gerät, führt Anne Goldmann in überzeugenden Short Cuts den Mörder heran, wird die Bühne, auf der Lena langsam heimisch wird, in immer erschreckenderes Licht getaucht. Sehr lange ist nicht klar, wer für Lena tatsächlich bedrohlich ist, und selbst, als Anne Goldmann dieses Rätsel preisgibt, hält sie die Spannung weiter hoch, weil Lena direkt in die Falle läuft.
Ein besonderer Kriminalroman, der subtil den Gefühlsmix aus Fremdsein, Angst und Überrumpelung einem bizarren Mörderspiel beimengt.
BK auf www.crimechronicles.co.uk 2014
„Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht.“
Nelli ist angeblich 13 Jahre alt und im Oktober 1944 nach einem Bombardement über Linz als schwer traumatisierte Waise auf einem Bauernhof im Mostviertel einquartiert worden. Sie redet nicht viel. Aber sie beobachtet, führt einen eigenen Kalender und schreibt auf, was ihr wichtig erscheint. Das Heft dafür hat sie von Laurenz bekommen, dem Bruder des Bauern, der seine eigenen Geheimnisse pflegt. Nelli ist nicht der einzige Schützling, aber sie ist diejenige mit einem Gespür für private Geschichten und den Möglichkeiten persönlicher Wahrheiten.
Es folgt der letzte Kriegswinter. Jede Familie im Dorf ist mittlerweile verwundet, trägt schwer an einer Tragödie, rackert sich ab zwischen zaghafter Hoffnung, Warten und dumpfer Ergebung. Nelli beobachtet. Und Laurenz beobachtet Nelli in ihrer Zuneigung zu den Bauernkindern, dem verstehen Wollen von familiären Tragödien, dem Suchen nach Gründen für Tun und Lassen. Denn dass Gerechtigkeit von Personen und ihren Charakteren abhängt und nicht von den Gesetzen des Staates, das weiß Nelli schon. Und dass sich daher bei jeder wichtigen Entscheidung das Gewissen einschaltet und den Verlauf der Geschichte ändern könnte, ahnt sie. Der Erzähler spielt mit diesen Ahnungen. Nelli bekommt einiges an Anschauungsunterricht im Dorf, von den Nachbarn, von ihrer Bauernfamilie, von den Ausgebombten und umher Irrenden.
Im Frühjahr 1945 – angeblich bewohnen die ersten Schwalben wieder den Luftraum unterhalb der Bomberverbände, Gerüchte nehmen zu, Flüchtlinge ziehen durch -, kommt ein junger Russe, Michail, auf den Hof. Er spricht gut deutsch und er trägt ein zusammengerolltes Bild mit sich, von dem er behauptet, es sei sein Einziges, das er habe retten können und das er niemandem zeigen will. Ein Maler, ein Suprematist, (keiner hier kann etwas mit diesem Begriff anfangen), den die Mädchen anhimmeln und die Männer gut genug leiden, um ihm eine Legende anzudichten und am Hof durchzufüttern. Laurenz entschließt sich Ende März 1945, Nelli in seine Geheimnisse einzuweihen. Die neue Saat wird ausgebracht, als sich zwei Gefreite unter dem Kommando eines Leutnants einquartieren.
Etwas an dieser Geschichte ist anders als bei den meisten Kriegserzählungen, obwohl die Ausgangslage vertraut klingt. Paulus Hochgatterer gelingt ein besonderes Kunststück: Er wählt eine sehr begrenzte Perspektive und doch gerät es zu einem faszinierenden Rundumblick. Ein Mädchen, zu früh ins Erwachsensein gestoßen und mit den essentiellen Fragen eigentlich alleingelassen, irritiert mit ihrer ruhigen Neugier, der Auswahl an Berichtenswertem, einer seltsamen Mischung aus speziell dosiertem Mitgefühl und fehlender Trauer.
In Details versteckt der Autor den historischen Ablauf, die Verankerungen finden nur dort statt, wo Nelli nicht umhin kann, ihn wahrzunehmen. Dadurch entsteht eine ganz besondere Stimmung. Hochgatterer entwickelt in seinem ländlichen Kammerstück Tableaux vivants, die sich teilweise widersprechen, teilweise übereinander legen, als schüttelte Nelli ein Kaleidoskop. Wegen dieser Einschübe entsteht ein Ganzes, das aufrührt und im Gedächtnis hängenbleibt wie die Geschichten, die jeden betreffen, weil sie von jedem handeln könnten.
„So wäre es also gewesen“ und „So hätte es sich am ehesten abgespielt“ überlegt Nelli. Doch trotz Gewalt und Bösartigkeit erzählt alles von Liebe. Sie weiß es noch nicht, weil ihre Bestandsaufnahme der Welt von teils zwänglerischen Aufzählungen und kindlicher Unerfahrenheit geprägt ist, aber sie folgt zielsicher dem Vorhandensein von Liebe in all ihrer Form. Und das, was sie nicht wissen kann, formt Hochgatterer zu einer Parallelgeschichte, eine tröstende Version anbietend. Es könnte sich so abgespielt haben. Es könnte Hoffnung für uns alle geben.
BK für die Furche 2017
Hitomi sucht Arbeit und findet sie in Herrn Nakanos Trödelladen, einem liebenswerten Ramschgeschäft in einer Seitengasse irgendwo in Tokio. Der noch jüngere Takeo wird kurz nach ihr als Fahrer, Schlepper, Ankäufer eingestellt. Für beide ist Herr Nakano unbegreifbarer Narr mit kaufmännischem Talent. Nakano seinerseits, zum dritten Mal verheiratet und immer auf Ausschau nach einem Seitensprung, wird von der sehr geschätzten Geliebten Sakiko, einer Kunstsachverständigen und Liebhaberin erotischer Texte, verlassen. Nakanos ältere Schwester Masayo, Künstlerin, lernt hingegen erst spät eine Liebe kennen und zu spät, um sie wirklich zu leben.
Der Unterschied zwischen Lust und Liebe beschäftigt nicht nur Hitomi, die Gedanken aller Akteure kreisen unaufhörlich darum. Dabei verharren alle eigenartig passiv. Ein Erzähltrick Kawakamis, denn wie an Fäden hängen ihre Figuren, das nicht Gesagte hat ebenso viel Gewicht wie das Gesagte, die japanische Art, hinter allem eine verborgene Bedeutung zu vermuten und auf der Jagd nach dieser Wahrheit eine subtile Oberflächlichkeit zu entwickeln, fasziniert und ermüdet gleichermaßen. Es ist eine lineare, seltsam distanzierte Darstellung des Alltags. Erst im Verlauf der Lektüre wird klar, wie das die neue Erfolgsautorin Japans macht: sie baut die kurzen Szenen nach einem ganz bestimmten Schema auf, stets werden sie von einer Farbe, einem Klang, einem Blick auf ein Detail beendet, der Laden gerät so zur Kleinbühne für eine Handvoll Menschen.
Die zwei Generationen, die die Geschichte tragen, empfinden die Kultur Europas als faszinierend fremd und wissen amerikanische Technik schnell für sich zu nutzen. Die vielen einsamen Singles, sehnsüchtig nach Beziehungen, die über gemeinsame Stunden in Love Hotels hinausgehen, erscheinen in diesem Roman verzerrt in Ausschnitten von schmerzhafter Süße.
Mit solchen Romanen punktet Hiromi Kawakami, 1958 in Tokio geboren, bei ihren Landsleuten seit Jahren. Im deutschen Sprachraum wird sie gerade erst entdeckt. Kawakami begleitet in „Herr Nakano und die Frauen“ alle Akteure für ein Jahr und setzt dann erst nach einer Pause von drei Jahren fort. Die Jungen sind erwachsener geworden, die Einsamkeit ist immer noch greifbar, für eine Liebe ist es zu spät, eine andere erfüllt sich vielleicht. Die Stadt selbst entzieht sich dem Leser, die Gucklochperspektive erlaubt nur den Blick auf eine Gasse, ein Viertel, auf Nakano als Kreuzungspunkt erotischen Wirrwarrs. Eigentlich eine traurige Geschichte, die bezaubernd erzählt ist und der Hoffnung auf der Spur bleibt.
BK für das Booklet der FURCHE, Nr. 10/5.3.2009
Ein Glücksfall für Alle, die sich mithilfe einer Erzählung dem Thema Kunstbetrachtung nähern wollen, ist Regine Koth Afzelius gelungen. Acht Ikonen der Renaissancemalerei kann man nach der Lektüre nicht mehr ohne inneres Lachen, erotische aufgeladene Bemerkungen, neu verknüpfte Synapsen betrachten. Der Verlag hat ein Extrablatt mit farbigen Bilddrucken hinzugefügt, die neuen Titel weisen sofort auf die vergnügliche, allen Sinnen offenstehende Auslegung hin. Dieses Buch ist alles andere als eine erklärende Kunstgeschichte. Vasari müsste sich grämen, weil ihm nicht eingefallen ist, was die Künstlerin schaffte. Dies ist kein den Regeln entsprechender Roman, der Baedeker Reisende begeistern wird; zu viel Lust, zu viel Vergnügen, zu viele Täuschungen und herbeigeführte Doppelbödigkeiten!
Leo ist Kunstfreak, finanziell offensichtlich unabhängig, ein von einer Perle verwöhnter Egozentriker, dem Claire, eine Veterinärin, in einem Museum (wo sonst?) erliegt. Zuerst ist er der Lehrer, sie die willige Schülerin. Aber sie ist gewitzt, sie benutzt vor allem ihr Gehirn, das Machtverhältnis ändert sich. Ist dies die Geschichte einer Hörigkeit, die Kunst als Vehikel braucht, Bilder wie Fetische mit einbezieht?
Die Sprache schöpft aus dem Vollen, ein knisterndes Spiel mit Wörtern und manieristischen Syntaxbereicherungen; es gibt Prozessionen von Beifügungen, die aus jeder Seite eine mehrfach gedrehte Perlenschnur an Sätzen zaubern – und doch verliert man sich nicht. Man muss lachen über die Regie der Komik, das Geschick, mit dem Koth Afzelius aus Geschichtswissen Anekdötchen formt, die sich unwiderruflich im Gedächtnis verhaken. Es ist eine kurvenreiche Sinnengeschichte, ein Kaleidoskop von Ansichten, Denkansätzen, eingebettet in Eros und Thanatos, wie es sich für eine gute Erzählung gehört. Es ist ein barockes Feuerwerk, das den Rätseln der Renaissance nachspürt – und für ungeübte Leser ohne Draht zur alten Malerei ganz sicher schwere Kost; Aber!
Selten habe ich mich so königlich mit einem Kunstroman unterhalten. Ein Buch für Feinspitze!
BK für das PODIUM 2019
Die Kastanorka ist ein Tier, im Leben der jungen Heldin verankert, eine alte Schildkröte, eher zufällig in diesem nach Aufbruch riechenden Haushalt irgendwo in Berlin existierend. Die Kastanorka teilt das Wachen der Erzählerin, unbewegt von deren Zweifeln und der so spielerisch gewälzten Sinnfrage sucht sie die Wohnung ab nach ihren geliebten Spitzwegerichblättern. Es ist ein friedlicher Sonntag Morgen in einem Schlafzimmer mit Blick auf den Berliner Zoo. Neben der Heldin träumt noch der zärtlich betrachtete Liebhaber. Auf der Bettdecke liegt ein Satz Mikadostäbchen, das rituelle Spiel der jungen Frau, eine Metapher für das Chaos, die Rolle des Zufalls im Leben schlechthin.
Ein Jahr ist vergangen seit dem Attentat auf das WTC. Der Fall der Mauer hat das Leben der Erzählerin genau in der Mitte in ein Davor und ein Danach geteilt. Ihre Vergangenheit orientiert sich an großen politischen Ereignissen, ihr Leben richtet sich nach Menschen aus. Da gibt es den alten, aus Wien geflohenen Juden Leo in New York, dessen Telefonate zu unmöglichen Tageszeiten zu Lebenshilfen und Wortgeländern geraten. Da gibt es in der fernen sibirischen Steppe Toma, die tatarische Nomadin, deren Auftauchen an den seltsamsten Orten mit Liebe, mit unbändiger Lebenslust und Neugier zu tun hat. Eine verlässliche Freundin, auch wenn der Kontakt sich auf sporadische Telefonate beschränkt. Da gibt es die Anekdoten aus der eigenen Kindheit, eingebettet in ostdeutsche Alltagsgeschichte, so berührend dicht, so anrührend und direkt geschildert. Da gibt es das Mikadospiel, mit dem sich die Heldin die Zeit nur vordergründig vertreibt. Was sie wirklich in ihrer winzigen Wohnung quält, ist die Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten soll, was Zeit bedeutet und wie man sie nutzt. Die Antwort sucht sie bei den Freunden, vorsichtig auch in ihrer Liebe zu dem Mann, der ihr Bett teilt, dem sie aber den Großteil ihrer Geschichte vorenthält.
Seit mehr als zwanzig Jahren schenkt uns Angela Krauß schillernde und dichte Texte.1950 in Chemnitz geboren, studierte sie an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung in Berlin, arbeitete dort für Messen und Ausstellungen. 1988 machte sie als Gewinnern des Ingeborg-Bachmann-Preises eine breite Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Mit „Wie weiter“ präsentiert sie nun eine Novelle aus strahlenden Vignetten und Miniaturen.
„Das Dasein wird weiter, je länger es dauert,“ prophezeit Leo, dieser seltsame platonische Freund, den Angela Krauß so wunderbar indirekt beschreibt, dass man ihn für sich selbst zum Freund wünscht. In dieser Geschichte passiert nichts wirklich Dramatisches, doch die Sätze sind von bezaubernder Klarheit und bestechender Prägnanz. Angela Krauß schafft es, uns das Glück der Suche und einer Erkenntnis als ein Glück, das man erlesen kann, darzustellen.
BK für die FURCHE Nr. 27/5.Juli 2007
Ein faszinierender Band aus Lyrik, lyrischer Prosa und einem beeindruckenden Spiel mit den Möglichkeiten der deutschen Sprache liegt von Annett Krendlesberger vor. Klar ist von der ersten Zeile an: nur durch das Wort wird das Gesehene real. Die Erzählerin ist mehr als ein lyrisches Ich, hier wird tatsächlich eine Geschichte erzählt, eine Entwicklung beschrieben, ein Zustand angeprangert, eine Situation festgehalten.
Die Stimme gehört einer Frau, die beobachtet und mit Worten fixiert. Das geschieht in einer Art zielgerichtetem Monolog, von Anfang an gedacht als Zwiegespräch mit einer anderen Frau, die, dem Tod entgegen röchelnd, in einem Bett liegt, ruhig gestellt vom Schicksal. Dabei muss sie doch ebenfalls wie alle rundherum Lebenden ein Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft sein, voller versteckter Bilder, erinnerter Wahrheiten! Ist noch wirklich, was in ihr verborgen ist? Die Frau, getrieben von Neugier und tiefem Mitgefühl, nennt die Daliegende Eva, bezeichnet sie als Anfang, erkennt in ihr eine Wurzel ihrer eigenen Präsenz. Sie erschließt sich das Umfeld der Älteren, indem sie deren Ankerplatz, das Sterbezimmer, bespricht, hoffend, dass Eva etwas davon aufnimmt, vielleicht Orientierung gewinnt. Die Sprache wird zu keinem Geländer, aber die nebulosen Chimären verwandeln sich in farbenfrohe Körper mit ertastbaren und erfahrbaren Grenzen. Kein Zerrinnen, kein Verlaufen mehr. Die richtigen Wörter verschaffen Struktur und erschaffen die sich erweiternden Möglichkeiten der Hoffnung. Sie will mit ihrem Vordringen, Entdecken und Verstehen auch Simon, dem Sohn der Sterbenden, diese sich entfernende Mutter verständlicher machen.
Ganz sachte führt Annett Krendlesberger eine weitere Facette der Beschreibung ein: Liebevoll und punktgenau gewählt verwendet sie Werke von Künstlerinnen der österreichischen frühen Moderne. Indem sie den Dialog zwischen Betrachter und Bild oder Skulptur heranholt und als etwas sehr Persönliches, sie selbst Betreffendes seziert, zeigt sie das in großer Stille verlaufende aufeinander Prallen von gegenwärtigem und vergangenem Leben. Erschaffene Figuren und Menschen begleiten nicht nur das verlöschende Wesen Evas, sondern definieren auch in der Gegenwart das Miteinander von Frau und Frau, von Frau und Mann. Diese in Szene gesetzten Bloßstellungen Unbekannter führen zu neuen Fragen, Verunsicherungen, Perspektiven.
Mit den Möglichkeiten der Rhythmik und Klangfarben der Wörter erschafft Krendlesberger ungemein musikalische Sequenzen. Einer der vielschichtigen und berührendsten Texte ist „Hätte ich eine Decke gehabt“. Die Hilflosigkeit im Angesicht des Todes und der aufwallende Wunsch, etwas Gutes tun zu können, die Ohnmacht des Konjunktivs und dazu die vielen geradezu querschießenden Details, die Krendlesberger auswählt, verflechten sich hier zu einer Tapisserie, die das große Thema Empathie beeindruckend darstellt.
Dieses Buch rezensieren zu dürfen hat sich als Geschenk herausgestellt. Die „Verse“ mit ihren ungewöhnlichen Verknüpfungen und den starken visuellen Reizen bleiben in Erinnerung, das sensible Nachwort von Birgit Schwaner bietet weitere Ansätze, um sich mit diesem ungewöhnlich dichten Werk auseinander zu setzen, so wie die Fotos der ausgewählten Kunstwerke die handwerkliche Qualität des Verlags unterstreichen. „Daliegende. Unbewegt“ ist Literatur, die politisch ist und ein Kunstwerk, das ein Leben begleiten kann.
BK für den ÖSV 2024
Wer mit Christine Lehmanns Serie rund um Lisa Nerz vertraut ist, wird die Journalistin aus einer neuen Perspektive kennen lernen. Alle anderen LeserInnen können sich auf einen ungewöhnlichen Krimi freuen, der Verbrechen und ihre Folgen aus schmerzhaft bedrängender Sicht beschreibt.
Schon der Eröffnungssatz der chronologisch erzählenden Verteidigung „Ich bin die Tochter einer Kindsmörderin“ lässt vielschichtige Möglichkeiten erahnen. Dass es trotzdem ein Kammerstück wird, liegt am Ort, von dem aus Camilla Feh ihre Geschichte präsentiert: der U-Haftabteilung für Frauen in Schwäbisch Gmünd. Lehmann hat wie immer gekonnt recherchiert und ihr Wissen spannend und irritierend verwoben. Nach dieser Lektüre bleiben beunruhigende Fragen, ist die Unterteilung in Gut und Böse noch schwieriger und die Suche nach Gerechtigkeit für Alle von noch mehr Zweifeln begleitet.
Camilla hat vor Jahren die Bonobos im Menschenaffenhaus der Wilhelma in Stuttgart studiert, eine glänzende Forscherkarriere hätte möglich sein können. Einiges trug dazu bei, dass sie nicht auf ihre Fähigkeiten vertraute, das Studium schmiss, die Beziehung zu Till, ihrem alternativ agierenden Revoluzzerfreund beendete, sich endlich, weit unter ihren Möglichkeiten, in der Bürowelt verdingt. Camilla trägt schwer an ihrer Herkunft, die ihr von den liebevollen Pflegeeltern irgendwann als Halbwahrheit enthüllt wird, mehr Rätsel als Lösungen für das heranwachsende Kind. Wie der Zufall es will, stellt sich als einer ihrer Vorgesetzten Till heraus, der „etwas aus sich gemacht hat“, dem Geld verpflichtet. Verrat auch hier, wie es Camilla scheint, die ständig versucht, Beweggründe zu analysieren, aber ihr Umfeld nie argwöhnisch beobachtet. Als Till eines Tages grausam zerfleischt im Käfig der Bonoboweibchen entdeckt wird, ist Camilla noch nicht klar, was auf sie zukommt, welches fürchterliche Jahr auf sie wartet.
Lisa Nerz taucht plötzlich als Nebenfigur auf, eine widersprüchlich agierende Frau, die versteckt Hintergrundinformationen sammelt – und diesmal nicht die richtigen Schlüsse zieht. Sie setzt vorschnell den Rechtsapparat in Gang, fatal die falsche Richtung vorgebend. Camilla sitzt in der Falle.
Was alles passiert, um nicht nur diesen Knoten zu lösen, hat Christine Lehmann dicht komponiert. Es geht um ethische Grundsätze, Fragen der Moral, um das Wesen der Liebe, um verbrecherische Kreativität und das Ringen um Vergeltung und Gerechtigkeit. Im Ton hält sich die Autorin bewusst zurück. Die Geschichte wird in zwei Strängen präsentiert, die einander teilweise überlappen, teilweise ergänzen und stilistisch klar unterschieden sind. Trotzdem sind beides die Stimmen Camillas und das macht das Buch auch erzählerisch so interessant. Es verlangt genaues Lesen, um die Zeitebenen getrennt zu halten, und es verlangt gegen Ende einen guten Magen, um die angedeuteten Bilder (Lehmann beschreibt nur das absolut Notwendige, aber das reicht) zu vertragen. Dass man einen Menge Fakten über Menschenaffen und soziologische Ähnlichkeiten mit uns erfährt, macht die Lektüre nur spannender.
Dies ist ein ungewöhnlich erzählter und berührender Krimi mit Personen, die einem zu Beginn nicht unbedingt sympathisch sind, und die uns Christine Lehmann trotzdem sehr nahe bringt.
BK 2013 auf www.crimechronicles.co.uk
Die Siebziger Jahre haben begonnen, ein Hauch von Freiheit macht sich kurz in den sowjetischen Großstädten bemerkbar. Direkt von einer Party in einem Leningrader Künstlerkreis verlässt ein junger Mann seine zaghaft aufblühende Lebensnische voll verbotener Westautoren und rebellischer Lyrik gegen Breschnews urgeschichtlichen Kremlzoo, garniert mit ersten Versuchen im Ausprobieren freier Liebe und abwägend zelebriertem Austausch mit Westjournalisten. Er übernimmt die Betreuung einer pseudowissenschaftlichen Arbeit in der Gegend von Archangelsk, flüchtet vor dem, was er zu kennen meint.
Das weite Land der Vertriebenen und Verlassenen öffnet sich dem 26-Jährigen. In den Dörfern warten alte Frauen dem Tod entgegen, junge Menschen wollen nur weg von dort. Es gibt keine alten Männer: sie alle sind vor Jahrzehnten im Krieg gefallen oder in Lagern verschollen.
Der junge Mann richtet sich ein in einem aufgegebenen Haus in dieser verlassenen Tundra, sucht den Kontakt zu den Witwen, die ihm bei seiner ethnologischen Untersuchung helfen könnten. Die Mischung aus Einsamkeit und Schönheit der Landschaft erschlägt ihn fast.
Die Lehrerin Vera, unverheiratet und um die vierzig, wird die Führerin in diese Welt versteckter Menschen und gehüteter Geheimnisse. Sie wird vor allem aber die Frau, die alle schnell gefassten Meinungen und Vorurteile des jungen Mannes (wir erfahren seinen Namen nicht,) nachhaltig zerstört. Ihre Sinnlichkeit und Fröhlichkeit straft alle Mythen, die sich bereits um ihre Person ranken, Lügen. Ihre Bildung und Offenheit verbieten Schubladendenken, ihre Güte und Selbstsicherheit helfen auch durch angstvolle und peinliche Momente. Das Leben den jungen Leningraders wird nach diesem Jahr in Sibirien und vor allem wegen dieser faszinierenden Frau für immer verändert. Sie ist weder Penelope, treu und sich listig interessierter Männer erwehrend, noch Andromache, trauernd als Witwe dem Toten auf immer ergeben. Sie ist eine neue Archetype, die vage an alte Göttinnenbilder erinnert.
Andrei Makine, 1957 in Sibirien geboren, seit zwanzig Jahren in Paris lebend, ist hier eine ergreifende Studie geglückt über unmögliche Liebe, wahre Schönheit und vergessene Menschen am Rande der Welt. Holger Fock und Sabine Müller haben in bewährt gelungener Weise Makines sparsame und berührende Sprache ins Deutsche übertragen. „Die Frau vom Weißen Meer“ ist ein Buch, das den bisherigen Erfolg des Autors nur bestätigt: reiner Gewinn und stille Freude für Lesende, die sich gerne überraschen lassen.
BK für die FURCHE 2008
Was passiert, wenn eine unserer sprachgewaltigen Schriftstellerinnen vordergründig Banales in einem Kaleidoskop schüttelt, die Bilder schleift, seziert, was ein malträtiertes Herz uns lehren kann? Lydia Mischkulnig hat diese Aufgabe übernommen, die kurze literarische Form dafür gewählt und uns einen witzigen und schmerzhaft treffsicheren Erzählband geschenkt.
Es geht um Teilzeitmütter und Seitensprung willige Männer auf der Suche nach einer Nixe. Es geht um ein Verkaufsgespräch und die verführerische Exotik des Toten Meeres; es geht um Ehefotos, um Erinnerungen, Scheinheiligkeit und im Nirgendwo platzierte Hydranten; selbst ein Wunder könnte passiert sein. Einmal geht es um Adam, der den Heiratsmarkt erkundet. Einmal bindet sie uns einen Bären auf die Nase, der es sich hat; politisches Welttheater, mögliche Religionsgründung und brütende Sarkophage inkludiert.
Menschen werden nicht vorgeführt, sondern über eine kurze Strecke Wegs begleitet. Sie lassen uns in ihre Köpfe, sie erweisen sich als Spiegelbilder, als Strauchelnde, Staunende, bitterbös Manipulierende, als Suchende und Denkende.
Das zeigt sich stilistisch in der subtilen Sprache, in den geschliffenen Sätzen, der brillanten Art, Distanz gar nicht erst zuzulassen, der Doppelbödigkeit, und wie Mischkulnig mit Bedeutungen und Wortkombinationen spielt. Sie spricht die Leser direkt an, zieht sie flott ins Gespräch, in die schmalen Gruselkabinette ihrer Helden. Manchmal ist eine Geschichte nur zwei Seiten lang, manchmal, wie die Titel gebende „Paradiesmaschine“ dreißig. Nie ist ein Wort zu viel, eines zu wenig und doch möchte man mehr, mehr von allem, mehr von diesen lustvoll witzigen Beschreibungen, die der Wahrheit so klug nahekommen. Jede Menge wunderbarer Bonmots und Aphorismen lauern in den Geschichten. Anekdotenhaftes kommt schräg und trotzdem vertraut daher.
Immer geht es um Beziehungen, um fehlende Geflechte, um offene Wünsche, um verzweifelte Abrechnungen, um sarkastische Analysen und die verloren gegangene Rosa Brille, die ein Durchhalten erleichtern würde. Es geht aber auch um so wunderbare Details wie die „Erotik der Silos“, „letzte Würstchen“, den „ersten Hahnschrei“ eines Hahnreis, eine „pagenköpfige Pensionistin“, „Ministerpräsidentenfaschiertes“, „Bindestrich-große Eier“, „belebte Augenausschnitte“ in Venedig und Carlos Engagement für diese Stadt. Es geht um so viele farbige Facetten des Lebens, dass es eine Freude ist, die Geschichten wieder zu lesen, sich in einem Bild zu verhaken, zu warten, bis eigene Erinnerungen auftauchen und Mischkulnigs Panoptikum durchdringen.
Das letzte Kapitel ist nicht die Essenz einer Geschichte, sondern ein Bericht aus Venedig. Die Schriftstellerin ist dort, um zu schreiben und die Stadt soll ihr Hintergrund und Vexierbild sein, eine förderliche Kulisse. Sie beobachtet, sie lernt Menschen kennen, sie darf sich realen Biografien und Anschauungen nähern. Es ist spannend, nach den erfundenen Geschichten eine sehr subjektive Bestandsaufnahme begleiten zu dürfen. Der Ton ändert sich ein wenig, die Erzählerin nimmt sich zurück, stellt sich in der Dienst der berichtenden Wirte, Nachbarn, Bekannten. Was Mischkulnig hier berichtet, hat mit Journalismus zu tun; sie legt Zeugnis ab im Namen derer, die ihr berichten. Trotzdem schürt sie Emotionen, wird Venedig zur verwundeten Stadt. Aufgrund dieser feinen Vignette könnte man überlegen, dass es ähnliche Aufzeichnungen gibt, die den opulenten Details in ihren Erzählungen und Romane zugrunde liegen. Aber eigentlich möchte man das gar nicht, sondern lieber wieder in den manchmal haarsträubend komischen Szenen versinken, den Minidramen und tragischen Missverständnissen. Selten liest man so traurige Geschichten und wird dabei so und auf diese Art zum Lachen gezwungen.
Lydia Mischkulnig hat in allen ihren Büchern bewiesen, dass sie eine Sprachkünstlerin ist, deren Poesie und ihr Talent zu irritieren sich nie auf Kosten der Spannung entfalten. In diesem Erzählband bestätigt sie das wieder.
BK für die PRESSE 2016
Aspekte der Kunst, die wir im freien Westen permanent unterbewerten: Kunst ist eine funktionierende Zuflucht vor Ideologien – weshalb Regimes Kunst kontrollieren. Und Kunst bietet Auswege an – weshalb Diktatoren Kunst fürchten. Bücher können die Welt nicht verändern. Aber gute Texte können einzelne Menschen dazu bewegen, sich zu verändern – und damit tritt manchmal ein Schneeballeffekt ein.
Mitte der Neunziger Jahre konnte und wollte sich die iranische Literaturprofessorin Azar Nafisi nicht länger der Zensur der Mullahs beugen, sie verließ die Universität und leistete sich den Luxus, donnerstags in ihrer Teheraner Wohnung sieben ihrer besten Studentinnen zu versammeln. Es ging um einen Diskurs zu hauptsächlich westlicher Literatur der klassischen Moderne. „Das, was fehlte, war realer als das, was da war.“ Diese Zusammenkünfte schildert Nafisis Buch „Lolita lesen in Teheran“..
„Eigentlich wollten wir nur über westliche Literatur diskutieren, aber dann begannen wir, über uns selbst zu sprechen und zu schreiben,“ erklärte Nafisi in einem Interview kurz nach Erscheinen des Buches in den USA im Winter 2003. Im Frühling 2004 wurde es bereits im Iran gelesen, mittlerweile findet man es in fast jedem gebildeten Haushalt, obwohl es illegal eingeführt werden muss. „Was wir in der Literatur suchen, ist nicht so sehr die Wirklichkeit als vielmehr das Aufscheinen der Wahrheit“.
Nafisi schrieb kein weiteres Sachbuch, sondern hielt ungemein spannend die Einflüsse fiktiver Gestalten auf das Leben realer Personen fest, ein Phänomen, das wir in freien Regierungssystemen gar nicht richtig nachvollziehen können.
Wie spannend die Arbeit mit Schriftstellern wie Austen, James, Flaubert, Nabokov, Miller oder eben auch der im Iran verbotenen Märchensammlung von Tausendundeiner Nacht war, wird hier zu einem berührenden Zeugnis schwieriger Selbstfindung und gegenseitiger Unterstützung. Denn gerade ein Regime, das die Geschlechter rigoros zu trennen versucht, Ängste voreinander aufbaut, erzieht Generationen zur Heuchelei, Spitzelei, drängt sie zur Flucht in Drogenwelten und unreflektierte Illusionen. Intellektuelle Freiheit, individuelle Würde, weibliche Identifikation – das erfuhren in dem geschützten privaten Raum Nafisis eine Handvoll Frauen, mithilfe der Romane, mithilfe der ausgetauschten biografischen Geheimnisse.
Azar Nafisi kommt aus einer Familie, die seit Generationen schon gebildete Frauen zu schätzen wusste. Das war ihr Glück, denn ihr Vater förderte die Ausbildung in England und den USA. Die schahkritische Familie erlebte Repressalien unter beiden Regimes wie viele andere auch, unterstützte jedoch die Rückkehr der Tochter, den naiv begeisterten Beginn ihrer universitären Laufbahn in Teheran. Als die Lehranstalten die Funktionen der verbotenen Zeitschriften übernahmen, gegen Unterdrückung progressiver Kräfte protestierten, spitzte sich die Lage auch für die junge Wissenschafterin zu. Politik, Tagesgeschehen, die fürchterlichen Jahre im Iran-irakischen Krieg immer in Verbindung mit der gerade vorbereiteten Literatur, dem Lektürespiegel, dieser dichten Verflechtung von Fiktion und Wirklichkeit machen das Buch zusätzlich spannend. “….meine Hand legte sich instinktiv auf den Bauch, wie bei früheren Luftangriffen, bei denen ich schwanger gewesen war. Allein meine Augen taten, als sei nichts passiert und verweilten auf einer Seite von „Daisy Miller“. Die Bombennächte wurden zu Lesenächten, Nafisi stellte sich Fragen über die Natur des Erzählens und warum sich der realistische Roman in ihrem Land nie wirklich durchgesetzt hat.
Die sieben Studentinnen, mit denen sie ihre privaten Diskussionen führte, lehrten sie auch einiges über Realitäten, denen sie selbst nie ausgesetzt war, tyrannische Brüder, feige Väter, Zwangsheirat und Hinrichtung. „Die Zelle, in der Razieh und Mahtab fast fröhlich über James und Fitzgerald sprachen, ungewiss, ob sie überleben oder sterben würden, war wahrlich nicht der Ort, den ich mir für sie und meine Lieblingsromane gewünscht hatte, meine wertvollen Sendboten aus jener anderen Welt. Ich denke an Razieh im Gefängnis, an Razieh vor dem Exekutionskommando, vielleicht in derselben Nacht, in der ich „Der lange Abschied“ und „die Damen aus Boston“ las.“
Zusätzlich zu den Mauern, die von den Mullahs errichtet wurden, kam nun neben steigender Arbeitslosigkeit ein Gefühl großer Erschöpfung, das viele junge Leute lähmte. Ein derart reglementiertes und überwachtes Leben können sich westliche Jugendliche gar nicht vorstellen. Wie sehr das Ergebnis der letzten Wahlen im Iran die gebildete Schicht schockiert und verstummen lässt, wird ebenfalls durch die Lektüre dieses Buches leichter nachvollziehbar.
Literatur ist vielschichtig zu deuten und hat immer mit uns zu tun – schon allein deshalb sollten wir Saturierten und Ungefährdeten Azar Nafisis spezieller Entdeckung des Lebens folgen.
BK für die FURCHE 34/25.8.2005
Vor den Toren zum Nichts scheint in Abacrasta im wilden sardischen Hochland keine Macht zu schützen. Menschen werden vom Fluch in den Selbstmord hineingerufen und können nichts entgegen halten. Widerstandslos hängen sich die Männer am Gürtel, die Frauen am Strick auf, nachdem sie vorher noch sorgsam den richtigen Baum, den passenden Balken, den stimmigsten Ort für ihren Exitus ausgewählt und vorbereitet haben.
Aufgelistet, bewahrt und erzählt werden die Biografien dieser Unglücklichen von Battì, dem Standesbeamten, der selbst an seinem unerfüllten Leben krankt. Als er seinen letzten Schutzwall vor der tödlichen Stimme, das endlose Schreiben an einem Buch über seine Mitmenschen, zu verlieren glaubt, kreuzt Redenta Tiria rettend seinen Weg. Er gewinnt eine nie gekannte Lebensfreude als Rollstuhlfahrer und beendet die vorliegende Geschichtensammlung.
Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Nötigung, Prügelei bis aufs Blut als gängige Erziehungsmethode, Erniedrigung und Diebstahl reihen sich ununterbrochen aneinander, Familien verdanken ihre Entstehung einem Kapitalverbrechen, ihr Fortkommen verbrecherischen Aktivitäten. Liebe um der Liebe willen kommt selten vor und endet auch fast immer tragisch. Geballtes Unglück und ein Fatum, das wirklich nur zum Aufhängen ermuntert, ist so nur in den Epen rund ums antike Atridengeschlecht beschrieben worden. Salvatore Niffoi jedoch gelingt damit das Kunststück eines schwarzhumorigen und warmherzigen Gesanges auf Hoffnung und Lebensfreude. Voller Leichtigkeit gewährt er uns Einblick in ein schreckliches Dorfleben mitten im Duft wilder Kräuter, umrahmt von steinigen Weiden und Schafskötel. Die Kargheit des Landes spiegelt sich in der Kargheit des menschlichen Miteinander.
Besonders interessant schafft Niffoi den Übergang von Aberglaube und tradierten Riten in die Moderne, denn die Bauern verwenden natürlich technische Hilfsmittel, soweit es geht. Handy, Computer und Spiele der Stadtjugend finden ihren Platz genau so im schroffen Hochland. Der erste Eindruck, hier einer alten Geschichtensammlung aus längst vergangenen Tagen zu begegnen, verliert sich schnell.
Heilung passiert dem Dorf durch eine blinde Frau, die wie eine Fee auftaucht. Der Märchencharakter wird bewusst verstärkt. Redenta Tiria ist zur Stelle, wenn Selbstmord der einzige Ausweg scheint. Ihr Aufruf, nicht alles wegzuschmeissen, endlich mit echtem Leben anzufangen und sinnvoll zu existieren, hat leichten Heilscharakter. Aber wie in Märchen wirkt es auch hier überzeugend, ohne kitschig oder missionarisch zu sein.
Salvatore Niffoi, 1950 auf Sardinien geboren und dort auch als Lehrer tätig, hat in den letzten Jahren einige erstaunliche Bücher geschrieben, die nicht nur in Italien Furore machten. Denn Niffoi verwendet raffiniert alte literarische Formen und baut damit magisch bezaubernde Texte, selbst die sardischen Satzfragmente, unübersetzbar, haben nicht den Touch gewollter Folklore. Witzig ist dieses Buch, obwohl die wirklich gute Übersetzerin Sigrid Vagt manchmal leicht bremsend wirkt. Niffois Opulenz der Bilder, die Assoziationen zu Kirchenlatein und Lautmalerei sind schwer zu übertragen.
Jede der Geschichten hat ihre spezielle Stärke, manche sind fast nicht überbietbar in ihrer Komik und gleichzeitigen Tragik. Eine höllisch gute Lektüre ist diese Legende nicht nur für Sardinien Fans.
BK für die FURCHE Nr.36/4.9.08
Detective Emmanuel Cooper wird, gemeinsam mit seinem Kollegen Shabalala in die Drakensberge geschickt, um den Mord an einem Zulu-Mädchen aufzuklären. Im Jahr 1953 ist alles noch anders in Südafrika, die Gesetze der Apartheid sind gültig, ein rigide getrenntes Leben bestimmt das Nebeneinander, unvorstellbar ist viel zu viel. Jede Rasse ist einem engmaschigen Regelwerk unterworfen, das die regierenden Weißen nicht in Frage stellen Erschreckend ist, dass trotz des erst kurz zuvor bekannt gewordenen Holocausts jüdische Europäer genauso beschämend behandelt werden wie Asiaten und Angehörige der Stämme. Das System zerbricht Menschen und spielt sie gegeneinander aus.
Vor diesem beengenden Hintergrund versuchen die beiden Kriminalbeamten, die, hierarchisch getrennt, natürlich persönlich keinerlei Sympathie füreinander hegen sollten, den von Anfang an mysteriösen Fall zu lösen.
In der überwältigenden Landschaft spielen sich mehrere Dramen gleichzeitig ab. Die Weite des Tales steht im Widerspruch zu den Klüften und Schluchten, die sich zwischen Schwarzen und Weißen, Christen und Juden, Farmern und Kaufleuten, Mann und Frau auftun. Malla Nunn dirigiert ihr anwachsendes Personal souverän und ohne Längen, die fremde Welt aus dieser vergangenen Epoche erklärt sich anhand der spannend verknüpften Erzählfäden. Voll Empathie folgt man den Ermittlern, aber auch den vielen Personen, die zugleich Opfer und Mittäter sind. Niemand in diesem Umfeld ist frei von Schuld, niemand kann hier vorurteilsfrei leben. Selbst der hilfsbereite jüdische Arzt, der der lokalen Ärztin, Ehefrau eines unglücklichen Trinkers, bei der Autopsie unter ungewöhnlichen Umständen hilft, hat seine Geheimnisse, die er aus guten Gründen für sich behält. Der Zulu Detective hat ebenfalls mit einigen neuen und unerwarteten Einsichten in das private Leben Weißer fertig zu werden. Das Clan-System der Zulus ist mit nichts in der weißen Gesellschaft vergleichbar und doch gibt es grausame Parallelen, die keine Seite wahrhaben möchte. Ein Brückenbauer besonderer Art ist der autistische Außenseiter, der Verdächtiger, Zeuge, Opfer zugleich ist.
Das zeigt schon, dass Nunn an keinen Stereotypen interessiert ist, dass sie die Vielschichtigkeit einer Gesellschaft porträtieren will, die sich allen Kategorisierungen Außenstehender entzieht. Malla Nunn stellt anhand eines Kapitalverbrechens in einem abgelegenen Tal mit seinen Bewohnern Südafrika dar, einen wunderbar stimmigen Pars pro toto, der das Genre in vielerlei Hinsicht sprengt. Die Sprache, von den Übersetzerinnen großartig ins Deutsche übertragen, schildert ohne bombastische Bilder, jedoch der Dramatik, dem Fluss, der Geschwindigkeit immer genau entsprechend. Es gibt kein Schwarzweiß, nur eine überzeugende Symphonie in Grautönen. Die historischen Fakten erzählen sich, ohne dass es jemals zu belehrendem Erklären kommt.
Die tote Amahle, die Art ihrer Aufbahrung, die Andeutungen sowohl im Kral ihres Vaters, eines Zuluhäuptlings, als auch auf der Farm der Engländer, wo sie als Hausmädchen arbeitete, der Tratsch der Burennachbarn, das undurchsichtige Kräfteverhältnis im Tal, die Bitternis in den Herzen Aller verbinden sich zu einer tragischen und ungemein spannenden Komposition.
Malla Nunn weiß, wovon sie erzählt: sie wurde in Swasiland geboren. Ihre Familie emigrierte nach Australien in den Siebzigern, wo Malla studierte, bevor sie in den USA ihren Abschluss in Theaterwissenschaften machte. Sie war die preisgekrönte Drehbuchautorin von Dokumentarfilmen, heiratete in einer Swasi-Zeremonie, lebt mit ihrer Familie nun in Sydney und hat seit 2009 mit ihrem Debüt „A Beautiful Place to Die“ eine Aufsehen erregende Krimiserie vorgelegt. Dass die Herausgeberinnen dem Band auch ein hilfreiches Glossar beifügten, ist üblicher und erfreulicher Standard bei Ariadne. Mit der Entdeckung von Malla Nunn zeigt der Verlag wieder, dass der Krimi mehr sein kann als einfach eine spannende und gut erzählte Geschichte. „Tal des Schweigens“ ist auch ein politischer Roman, erfreulich literarische Suspense der Spitzenklasse, das poetische Porträt eines blutenden Landes.
BK für www.crimechronicles.co.uk
Ein Weißer wird vor einem AIDS-Hilfszentrum erschossen. Ungewöhnlich ist, dass er kurz zuvor die Journalistin Maggie Cloete telefonisch kontaktierte und dass sie, als sie sich aufrafft, diesen Fall mit großem persönlichem Engagement aufzuklären, schnell unsichtbaren Hintermännern gefährlich wird. Denn im Südafrika der Jahrtausendwende wird verschämt über Aids geschwiegen und gibt es keine staatliche Unterstützung für wirksame Therapien. Dies öffnet den Markt für dubiose Heiler und eine Gewaltspirale, an der die ganze Gesellschaft krankt.
In einem rasant geschriebenen Krimi enthüllt die Südafrikanerin Charlotte Otter, die nun in Deutschland lebt, Aspekte des modernen Südafrika, das immer noch unter den Folgen der Apartheid und des Grenzkrieges zu Angola leidet. Maggie Cloete ist eine unkonventionelle Reporterin mit einem unkonventionellen Werdegang, die sich nicht so leicht einschüchtern und vor allem nicht locker lässt, wenn sie sich in einer Recherche verbissen hat. Als ihr klar wird, dass nicht nur Balthasars Familie einiges geheim hält, hat sie sich schon Feinde gemacht. Ihre Zeitung zieht sie von dem Fall ab, aber Maggie steckt schon zu tief in dem Drama. Denn Balthasars Vermächtnis sind Waisenkinder, zum Teil mit Aids geboren, um die er sich aufopfernd gekümmert hat.
Wie die Mitarbeiter aus dem Zentrum, mafios organisierte Geschäftsleute, Maggie, die sich eigentlich persönlich aus allem heraushalten wollte, und vor allem die verschlossene Familie Balthasars auf diese Kinder und viele Kranke reagieren, treibt die Handlung aufregend voran. Dicht sind auch die Beschreibungen der Landschaft, der ausgestorbenen Täler KwaZulu-Natals, die sprachlich hinreißenden Darstellungen der Dörfer, ihrer im Stich gelassenen Bewohner. Trotz aller Trostlosigkeit gibt es Schönheit, wird die Hoffnung nicht zerstört.
Maggie ist eine Heldin, von der man sich noch viele Leseabenteuer wünscht, denn Charlotte Otter hat ihr einige widersprüchliche und spannende Freunde zur Seite gestellt. Das Buch selbst ist liebevoll redigiert, blendend übersetzt und mit einem hilfreichen Glossar zu Südafrika und verwendeten lokalen Ausdrücken ausgestattet. Ein spannendes und bereicherndes Lesevergnügen.
BK im Herbst 2013 auf www.crimechronicles.co.uk
Atiq Rahimi schrieb „Stein der Geduld“ auf französisch, in der Sprache des Landes, das ihm Asyl gewährte, nachdem der 1962 in Kabul geborene Literat während des sowjetischen Krieges aus Afghanistan geflohen war. Er schrieb es zum Andenken an die afghanische Lyrikerin N.A., die von ihrem Mann ermordet wurde. Dass er ihren Namen codiert, kann man als zusätzliches Bild für die versteckten, verhüllten Frauenleben verstehen. Er schrieb mit überwältigender Klarheit, Einfachheit, Poesie über die letzten Wochen im Leben einer Frau, deren Mann ein Taliban ist, tödlich verletzt, verlassen von seinen Waffenbrüdern, in bitterer Armut, Isolation, Hunger und täglicher Gewalt. Er schrieb aus dem Blickwinkel dieser Frau, die keiner beschützt und die für zwei kleine Mädchen zu sorgen hat in einer Stadt voller Marodeure.
Der Mann liegt im Koma, sie füttert ihn über eine Zuckerwasserinfusion. Sie weiß nicht, ob er sie hören kann, sie versteht. Sie betet zu Gott, sie bittet den Mullah um Hilfe. Niemand antwortet. Diesem umfassenden Schweigen ist sie ausgeliefert. Aber bevor sie daran zerbricht, bringt sie die Kinder zu ihrer Tante, einer Verstoßenen, einer Hure. Und sie beginnt, diesem Mann, der sich all die Jahre nicht für sie interessiert hat, von sich zu erzählen. Sie berichtet über das Leben als Ehefrau, die Einengungen, täglichen Gebote, die Tabus, die ihr ein so schlimm beschnittenes Leben bescherten. Sie berichtet aber auch von dem geliebten Schwiegervater, der sie als Mensch wahrnahm und mit ihr redete, ihr Geschichten erzählte, die Welt erklärte.
Als Soldaten in das Haus eindringen und sie bedrängen, greift sie zur einzigen Möglichkeit, die ihr bleibt, um ihren versteckten Mann, das atmende Bündel Fleisch, zu retten: sie prostituiert sich selbst. Trotz der Scham und der Wut, von den Heuchlern dazu gezwungen worden zu sein, empfindet sie den Akt auch als Befreiung. Nun erst erklärt sie dem komatösen Mann, wie sie zu ihren Schwangerschaften kam, welche Wege sich findigen Frauen in ihren Gefängnissen öffnen, um ein Mindestmaß ihrer Wünsche zu erfüllen oder gar, um überleben zu können.
Den mythologischen „Stein der Geduld“ setzt sie gleich mit dem komatösen Mann, der sich nicht wehren kann gegen ihre Lebensbeichte. Oder doch? Die Nähe, die sie mit ihren Berichten über sich selbst erzeugt, die Hingabe, mit der sie die Ihren versorgt wissen will, wird zu einem schrecklichen Abgesang. Das Ende der Wahrheit ist der Tod.
Großartig reduziert Rahimi die Geschichte auf das Wesentliche, trotz der Verknappung wird er dem Leid der Frau, der Erschütterung der Männer gerecht. 2008 erhielt er zu Recht den Prix Goncourt für dieses Buch, das sich wie ein Gedicht der Wut liest und eine mitreißende Klage.
BK im Booklet der Furche, Nr. 40/ 1.10.2009
Im Pretoria der Fünfziger Jahre eröffnet die junge Amina ein Café. Was in Europa vielleicht nur Bewunderung hervorriefe, gerät hier zur permanenten Mutprobe. Denn Amina ist Inderin, ihr Geschäftspartner ein Schwarzer, und die Gesetze der Apartheid werden gerade rigoros verschlimmert. Die Weißen sind in dieser Welt nur Randfiguren, deren Vorstellungen und Macht jedoch alles beeinflussen.
Eine seltene Kundin im Café ist Miriam, eingewandert aus Bombay, in einer traditionellen Ehe daheim, voll Liebe den drei kleinen Kindern und voll Loyalität dem Mann gegenüber. Die Traditionen der indischen Minderheit sind einengend streng, auch wenn das Mutterland weit weg ist. Alle scheinen in diesem Land nur in Gehegen zu leben, auf vorgegebenen Wegen gehen, nur Bestimmtes denken zu dürfen. Wie Amina Miriam und ihr Umfeld verändert, wie beide lernen, Nischen zu entdecken und auch ihre Familien in diese Umwälzungen mit einbezogen werden, ist ungemein spannend dargestellt.
Shamim Sarifs Debüt überzeugt wohl auch, weil auf opulente Miniaturen, wie sie die indische Literatur oft aufweist, verzichtet wurde, das Drama in einem sehr nüchternen Stil erzählt wird, sorgsam übersetzt von Andrea Krug. Sarif, deren Wurzeln in Südafrika liegen, lebt heute mit ihrer Familie in London. Nach diesem Buch weiß man mehr über die Opfer der indischen Minderheit, und wie leicht Vorurteile aus Zuschauern Täter machen.
BK in DIE FURCHE Nr. 17/24. April 2008
„Schieß nicht, ich bin die Friedenstaube. Aber weil ich hungrig bin, habe ich die Oliven mit dem Zweig aufgegessen.“
Wo bleibt die Hoffnung, wenn alles zerstört ist und man, um diese Zerstörung ertragen zu können, sich selbst systematisch zu zerstören versucht? Eine Braut feiert 1995 Hochzeit, als die Sirenen den Krieg ins Fest tragen, der Bräutigam davonrennt, um als Freiwilliger zu kämpfen, die Gäste von Bomben getroffen zusammenbrechen, das weiße Kleid zerfetzt wird, um Wunden zu versorgen und im Keller den Frauen als Binden zu dienen. Die Braut bleibt eine Braut, in ihren Alpträumen verfolgt von den Bildern der Toten, den Geschehnissen danach.
Wie lebt es sich, wenn ein brüchiger Frieden das Land beruhigt, wenn Touristen wieder kommen, um die Schönheit der Adria zu genießen, ihr Recht auf Unterhaltung, Vergnügen, Freude geltend machen und sich damit ganz wunderbar Geld verdienen lässt? Wo bleiben die Geister der Verscharrten, die Schatten, die die Bewohner mit sich schleppen?
Die verlassene Braut versucht, sich im Alkohol zu ertränken, versinkt jede Nacht im Taumel der „Rio Bar“, kann sich am nächsten Tag kaum erinnern, wer sie heimgebracht hat, wer seinen Körper an ihrem erhitzte. Die Braut schluckt den Alkohol wie eine bittere Medizin, die sie retten soll vor den fürchterlichen Erinnerungen, während rundherum das Leben weitergeht, die Normalität zudeckt, was keiner mehr sehen kann, was niemand mehr erträgt.
„Sagen Sie mir nicht, dass ich nicht die Einzige bin und dass es noch mehr von uns gibt, und legen Sie nicht auf, wenn ich frage: Was soll ich tun?, jetzt, da wir es ihnen zurückgezahlt haben?, jetzt, wo alles vorbei ist?“ Man will nicht gern behelligt werden von den menschlichen Fürchterlichkeiten, aber diese schwierigen Monologe werden stellvertretend für alle verstummten Gewaltopfer weltweit gesprochen und damit gehen sie uns alle an und mit Sicherheit unter die Haut.
Die Kroatin Ivana Sajko, 1975 in Zagreb geboren, ist eine der wichtigsten Dramatikerinnen und Regisseurinnen ihres Landes. Die Theaternähe zelebriert sie auch bei ihrer Prosa, einem eindrucksvollen Roman über weibliches Leben im und vor allem nach dem Krieg. Acht Selbstgespräche werden der Alkoholikerin aus der „Rio Bar“ in den Mund gelegt, ergeben eine zerfetzte kurze Biografie des Scheiterns an den Umständen, eine Bestandsaufnahme von Grausamkeit und Gleichgültigkeit. Trotzdem schafft es Sajko, dass ein, manchmal bitteres, Lachen diesen Text begleitet.
Das liegt an dem Erzählton, der in gewissen Situationen brutal schnoddrig ist, an den Brüchen, die sie stilistisch gekonnt einsetzt, an den unterschiedlichen Zeit- und Erzählperspektiven, die Gegenwart und Vergangenheit so vermischen, dass Neugier auf die Zukunft unweigerlich wächst. Es liegt aber vor allem an der Unmittelbarkeit, der Bühnenpräsenz dieser Stimmen, die von Alida Bremer überzeugend ins Deutsche übertragen wurden.
Der Krieg ist nun schon „seit Jahren strengstens verboten“, aber Hass, Nationalismus, Neid blühen im Verborgenen, das nicht aufgearbeitete Trauma bleibt Nährboden für Gewalt, während die Tourismusidylle blüht. (Hilfreich ist der dem Roman beigefügte Überblick über den Balkankrieg.)
Der Olivenzweig der Taube mag verloren gegangen sein, aber zum Schluss versucht die Braut verzweifelt, wenigstens das Ende leichenfrei zu halten. Das Leben ist vielleicht auch für sie möglich, wenn sie weit genug laufen kann, an einen Platz, an dem sie die Erinnerung auszuhalten lernt und trotzdem leben darf. „Nie wieder“ ist daher der programmatische Schluss dieses beeindruckenden Debüts.
BK für die FURCHE, Nr.34/21.August 2008
Siegtrud lebt als arme Witwe in Reykjavik und empfindet sich als beschenkt. Wie das funktioniert, wenn man nichts hat, wegen einer Missbildung zumindest in der Kindheit und Jugend ausgegrenzt war, ohne den Rückhalt einer Familie, das beschreibt Kristín Steinsdóttir großartig reduziert, liebevoll genau, berührend und gekonnt.
Siegtrud pflegt eine beneidenswerte Zufriedenheit, hat einen Blick fürs kleine Glück und frei zugängliche Feste, verdankt wohl auch ihrer großartigen Ziehmutter diese Mischung aus Charakterstärke, Menschenkenntnis und der Gabe, Zauberhaftes und Schönheit überall zu entdecken.
Da sie nicht nur Zeitungen austrägt, sondern sie auch liest, ist sie über alle mit Buffet ausgestatteten Veranstaltungen informiert, hinzu kommen die generös organisierten Begräbnisjausen, die der Heldin einen nicht unkomischen Einblick in die Gesellschaft gewähren.
Siegtrud weiß wenig über ihre Wurzeln, die Mutter, eine ledige Magd starb bei der Geburt, der Vater war ein wandernder Tagelöhner. Aber da gibt es den Koffer des Großvaters, eines Seemanns, einen Seidenschal und eine amtlich belegte Spur nach Frankreich. Dieses biografische Puzzle wird zum exotischen Anker. Als Pensionistin bricht Siegtrud zu einer bemerkenswerten Reise auf, lernt unverständliches Französisch, stellt sich den Geistern ihrer Vergangenheit und entdeckt sich selbst in ihrer immer größer werdenden Welt.
Mit viel Witz wird ein hartes Leben geschildert, die Einschübe aus der Sicht der Isländerin beschreiben gekonnt indirekt den Wechsel von bäuerlicher Existenz im Norden zur Städterin im Süden.
Steinsdóttirs Gabe, kindliche Erfahrung in poetischer und nie verkindlichender Sprache so präzise und einfühlsam darzustellen, macht dieses Buch zu einem Geschenk für Erwachsene, die eine Antwort auf die wichtigsten Fragen suchen und dabei weder Ratgeber noch esoterischen Pfad wünschen, sondern Literatur vom Feinsten.
BK in der Furche, Nr. 18, 6.5.2010
Über Großmütter erzählen viele und nicht immer hebt sich die Art der Darstellung über die Masse hinaus. Andrea Stift gelingt dies in „Reben“, indem sie die Lieblingsarbeit der Matriarchin als roten Faden wählt.
In der Südsteiermark, damals noch mitten im Slowenischdeutschen, jetzt direkt an der Grenze, entwickelt sich das Leben einer ungewöhnlich zielstrebigen Frau, die sich weder von politischen Entwicklungen, noch vom Wetter und schon gar nicht von ihren Kindern aufhalten lässt. Sie ist eine Bäuerin und gleichzeitig Dame, eine Respektsperson für alle, gefürchtet von vielen, geschätzt auch von Gegnern, geliebt von wenigen, bewundert bis weit über ihren Tod hinaus.
Aufstieg und Niedergang der Familie werden von ihr eingeleitet. Es ist eine wehrhafte Frau, die Gott aus ihrem Leben verbannt, weil er Schmerzen zulässt, die ihre Söhne begraben muss, Geliebten und Schwiegertöchtern das Leben schwer macht, stur zu ihren Überzeugungen steht und das Versinken der Familie in der Bedeutungslosigkeit akribisch aufzeichnet wie alles andere auch.
Solche Großmütter waren vermutlich nicht selten, aber an dieser Geschichte berührt die Art, wie die Urenkelin sich diesem Leben nähert, besonders. Andrea Stift, bereits mit mehreren österreichischen Preisen ausgezeichnet, bleibt vorsichtig bei Überprüfbaren, erwägt Erdachtes, immer klar unterscheidend zwischen Wissen und Möglichkeit. Da die Urgroßmutter den Weinbau vorangetrieben hat, wird ihr Leben dem Wachsen und Gedeihen der Stöcke, der saisonalen Arbeit gegenüber gestellt. Man lernt von bäuerlichen Gerätschaften, Fertigkeiten, Zwischenprodukten.
Manchmal verliert die Autorin die Distanz, Empathie, Ironie, Witz und Schmerz verstärken die Intimität, die Urenkelin wird sehr präsent als Erzählerin eines fremden Lebens. Das mag irritieren, aber überzeugend genug ist auch hier der Ton, der dieser ungewöhnlich imposanten Frau nachspürt: eine besondere Spurenlese, die Vieles verrät und einiges lehrt, so en passant und trotzdem einprägsam. Das Buch gerät zum Dialog zweier sehr starker Persönlichkeiten, in der eine der anderen hinterher ruft, nachjagt, zu enträtseln versucht. Das macht den größten Reiz aus und man verzeiht das allzu Private gerne, denn Andrea Stifts ungewöhnliche Stimme möchte man gerne einmal in einer rein fiktiven Erzählung hören.
BK für die FURCHE 2007
Lyrik als eine Art von Musik zu verstehen erklärt sich den meisten, die Gedichte lieben, von selbst. Viel komplexer ist hingegen der poetische Dialog, wie ihn Monika Vasik großartig in ihrem neuen Band „hoch gestimmt“ präsentiert.
Ihr geht es um eine persönliche Erfahrung, eine Darstellung, ein Hinterfragen, Erforschen – und Bedanken. Denn die Frauen, die im Mittelpunkt jedes der 67 Werke stehen, sind hochkarätige Sängerinnen aus unterschiedlichen Kulturregionen. In dieser Sammlung erstellt die Dichterin keine Porträts, keine Hymnen. Sie geht auf ihr Gegenüber zu, sie erzählt in ihrer so typischen, so extrem verdichteten Weise, was ihr wichtig war, was sie überwältigte, was ihr den musikalischen Zugang zum kompositorischen, gesanglichen, instrumentalen Werk der jeweiligen Frau ermöglichte.
Dadurch entsteht kein Spiegelbild, sondern der intime Blick einer Künstlerin auf die andere. Und doch ist es nie voyeuristisch, sondern ein großzügiges Teilen von Wissen und Empfindung. Es sind sehr bekannte Namen darunter und Namen, die vielleicht nur Fachleuten etwas bedeuten. Man kann jedoch sicher sein: Vasiks Gespür für Qualität sollte ihre LeserInnen ermutigen, sich mit allen diesen Musikerinnen nochmals zu beschäftigen. „Hoch gestimmt“ nimmt auf eine Reise mit, die Türen in viele Bereiche gleichzeitig öffnet.
Sie spricht die Sängerinnen direkt an, es gibt keine Distanz. Jedes Gedicht besitzt seinen eigenen Rhythmus, Widerhaken und Kontrapunkte; die intensive Beschäftigung mit den gesungenen Texten, den Kompositionen und instrumentalen Begleitungen wird hörbar, sobald man sich auf Monika Vasiks Wortfolgen und Taktgebung einlässt.
Von Joan Baez (du legst dir noten auf führst den rhythmus/des folk quer durch die furcht…) über den großartigen Anfangsvers zu Eva Cassidy (ein würfel ohne aug der tod) bis zur Endzeile zu Juliette Gréco (leichthin voilà hinaus in die weite), die sofort das Bild der Sängerin herauf beschwört, wie sie den allerletzten Ton gekonnt führt, spannt sich ein lyrisch überzeugender Fächerbogen.
Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig – und mittendrin fallen vier Gedichte auf, weil das annähernde Du versagt wird:
aus ihrem schreieieiei als anker (Etta James) und
schlief ihr ein lied zwischen allen dingen/kunterbunt ein talent lang/um verstör sich zu schaffen gehör/ (Amy Winehouse),
mal sandharsch mal schneidig/mit dem wissen der jahre gereift (Lala Njava), und
zwischen just a girl and mean mean woman zerflattert/mit akne und gewichtsstörungen (Janis Joplin).
Was für ein spannender Diskurs ist Monika Vasik gelungen! Dass der Verlag das Buch auch so ansprechend gestaltete ist ein weiteres Plus dieses Juwels.
BK für PODIUM 2019
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